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Abschied von Professor Dr. Conrad Koch

Dr. Franz-Josef Vollherbst

Forschungen über die Auswanderer nach Tovar waren ein großes Stück seines Lebenswerkes. Er gründete die Stiftung Colonia Tovar in Endingen sowie das Archiv mit Tovar-Ausstellung im Alten Rathaus.

Professor Koch verstarb im Alter von 85 Jahren am 8. Dezember 2005 im Kreise seiner Familie in Basel. Noch am Tag zuvor erhielt er an seinem Krankenbett eine Urkunde seitens der Stiftung, der Stadt Endingen und des Freundeskreises, die ursprünglich genau an seinem Todestag in einem Festakt in Endingen anlässlich seines 85. Geburtstags überreicht werden sollte. Mit großer Freude nahm er die Ehrung entgegen und bat, alle Endinger Freunde und Mitglieder der Stiftung und des Freundeskreises Colonia Tovar herzlich und dankbar zu grüßen.

Ehrung seitens Stadt, Stiftung und Freundeskreis

Die Stiftung, die Stadt Endingen und der Freundeskreis „würdigen mit dieser Urkunde in Dankbarkeit die herausragenden Verdienste und das Lebenswerk von Professor Dr. Conrad Koch. Seine wissenschaftliche Forschungsarbeit war und bleibt maßgebliche Grundlage für die lebendige Verbindung zwischen den Menschen in der Colonia Tovar/Venezuela und in den Gemeinden der Auswanderer von 1842 in ihrer alten Heimat. Sein Wirken als Stifter und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Colonia Tovar in Verbindung mit der Gründung des Archivs und des Tovar-Museums im Alten Rathaus zu Endingen sind bleibende Werte für Generationen. In seinem Sinne pflegt der Freundeskreis Colonia Tovar die menschlichen Beziehungen über Kontinente und bringt sich ein mit Dokumentationen in der von Professor Koch gegründeten Schriftenreihe der Stiftung Colonia Tovar.“

Am 24. September 1920 wurde Conrad Koch in Berlin geboren. Nach dem Krieg wurde er in Celle Schüler des Photowissenschaftlers Dr. Heinz Naumann. Dort absolvierte er eine fotografische Ausbildung. Im Sommer 1950 legte er die Meisterprüfung im Fotografenhandwerk ab und heiratete im gleichen Jahr die Fotografin Marga Linnewedel aus Eschede.

Als die Division Botanica des Land- und Forstwirtschaftsministeriums von Venezuela im Naturschutzpark „Henry Pittier“ eine biologische Station einrichtete und einen Fachfotografen suchte, bewarb er sich um diese Stelle und durfte sie am l. Oktober 1950 antreten. Im Jahr 1953 gründete er mit seiner Frau in Caracas das „Institute Fotografico“, das neben den üblichen Studioausrüstungen eines der ersten Farblaboratorien in Caracas betrieb und mit speziellen Apparaturen für geophysikalische Aufträge der Erdölindustrie ausgestattet war.

Im gleichen Jahr lernte er durch einen Auftrag des Landwirtschaftsministeriums die Colonia Tovar kennen. Im Jahr 1961 reiste Koch mit der Familie nach Europa und absolvierte an der Universität Basel sein Studium. Im Sommer 1967 promovierte er dort an der philosophischen Fakultät mit Auszeichnung. Seine Dissertation hat die historische Entstehung der Colonia Tovar und eine Feldstudie zur verwandtschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Situation Tovars zum Inhalt.

1970 übernahm er an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg eine Dozentur im Fach Soziologie und wissenschaftlicher Politik und wurde 1973 zum Professor ernannt.

In Endingen konnte Professor Koch anhand des aus Tovar mitgebrachten Bildmaterials und seiner umfangreichen Tonbandaufnahmen erstmals Kaiserstühler Bürgern Farbdiapositive und Dialektaufnahmen ihrer ausgewanderten Vorfahren vorführen. Im Hause von Franz Vollherbst fand sich bereits 1965 der erste Freundeskreis der Colonia Tovar ein, der sich die Belebung der Beziehungen zu den Menschen in Tovar zum Ziel setzte.


Eintrag ins Gästebuch von Franz Vollherbst am 12.VI.1965

Die Nacht der Freunde von TOVAR in Endingen werd ich nicht vergessen,
habt herzlichen Dank für Eure Lieder und für die herzliche Gastfreundschaft!

Conrad Koch 11. –12.VI. 1965


Im Jahr 1983 gründete Professor Koch die gemeinnützige und wissenschaftliche Stiftung „La Colonia Tovar", die in Endingen ihren Sitz hat und die gemäß des von ihm abgefassten Gründungsstatus von dem jeweiligen Bürgermeister der Stadt kraft Amtes als Kuratoriumspräsident geleitet werden soll.

Wertvolle Dokumente in Stiftung eingebracht

Sein gesamtes Archiv an Manuskripten und Urschriften venezolanischer Staatspräsidenten, bekannter venezolanischer Wissenschaftler und Politiker sowie Gerichtsurkunden, Grundstückspapiere und erste Zensuslisten brachte er als Originale zusammen mit über 200 Briefen der Auswanderer aus dem 19. Jahrhundert in die Stiftung Colonia Tovar ein. Darunter auch Briefverkehr der Familie Benitz und handschriftliche Dokumente Codazzis, Martin Tovars etc. Die von ihm zusammengestellten genealogischen Unterlagen, beginnend im 18. Jahrhundert, befinden sich ebenfalls in Endingen. Dadurch ist es möglich, sich bei der Stiftung „Colonia Tovar" über ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Tovarern zu informieren.

Damit erhielt die Stadt Endingen das wohl umfassendste Tovar-Archiv. Dort sind die wertvollen historischen Dokumente feuersicher in einem Safe untergebracht und Arbeitskopien für Interessenten einsehbar.

Im Dezember 1987 gründete er die Schriftenreihe der Stiftung Colonia Tovar.

Die Inhalte der von ihm herausgegebenen Schriftenreihe sind neben historischen Berichten vor allem Richtigstellungen von Legenden, die von oberflächlich recherchierenden Besuchern entstanden sind. So zum Beispiel die Legende, „Venezuela hätte mit viel Versprechungen die Tovarer anwerben lassen, sie dann in den Urwald geführt und dort vergessen". Eine seiner wissenschaftlichen Analysen widerlegt diese unqualifizierte Behauptung grundlegend, denn er konnte nachweisen, dass Venezuela mehr gehalten hat, als es versprochen hatte. Auch im Vergleich zu den vielen europäischen Siedlungen, die im 19. Jahrhundert in Südamerika entstanden sind, wurde keine von ihrer Regierung so großherzig gefördert wie die Colonia Tovar in Venezuela.

Reges Interesse an Tovar geweckt

Durch Kochs anschauliche Farbaufnahmen des alemannischen Dorfes in Südamerika mit den Porträts seiner Bewohner erlebten viele Endinger bereits ein kleines Stück Tovar. Besonders aber entstand durch die von ihm mehrfach vorgeführten Tonbandaufnahmen seiner Gespräche mit den Tovarern ein reges Interesse an den Nachkommen der Auswanderer von 1842, die in einem Kaiserstühler Dialekt des 19. Jahrhunderts sprachen und die sie ohne Mühe verstehen konnten.

Koch berichtete ihnen, dass sie ohne Spanischkenntnisse im Siedlungsgebiet von Tovar erlebnisreiche, interessante Urlaube in bestem Klima verbringen könnten. Selbst die Bauweise der Häuser, die sie auf den Bildern aus Tovar sahen, die durchaus erkennbar heimatliche Baustile wiedergaben, beflügelte Wünsche, Tovar und seine Menschen kennen lernen zu wollen. Umgekehrt lösten aber auch die von Koch im badischen Dialekt aufgenommenen Gespräche, die er bereits ab den fünfziger Jahren aufgezeichnet hatte, und die er bei seinen fast jährlichen Besuchen den Tovarern vortrug, bei ihnen immer wieder überraschtes Erstaunen aus. „Die schwätze jo grad we mir..." war ein sehr häufig zu hörender Kommentar. Gerade für den Aufbau der menschlichen Begegnungen von Tovarern und Kaiserstühlern war das Wissen, selbst auf den entfernten Kontinenten sich in der gemeinsamen Sprache verständigen zu können, die Basis der sich daraufhin anbahnenden gegenseitigen Besuche, des Berufsausbildungsprogramms für junge Tovarer in Deutschland und der inzwischen vielfältigen Verbindungen und gemeinsamen Projekte.



Prof. Dr. Conrad Koch als junger Fotograf