Impressum Startseite
Geschichte Auswanderer Traditionen Schriftenreihe Freundeskreis Gästebuch Kontakt

Die Bedeutung des "Vormärz" in Baden

Die Bedeutung des "Vormärz" in Baden für die politischen Verhältnisse in der Ackerbaukolonie Colonia Tovar.

Unter dem Begriff "Vormärz" wird die politische Entwicklung verstanden, die der Badischen Märzrevolution von 1848 vorausging. Ein nicht unbedeutender Teil der Endinger Bürger vertrat in dieser Epoche bereits jene demokratischen Grundwerte, für deren Verwirklichung Gustav von Struve 1847 in seinem Aufruf "Die Forderungen des Volkes" eintrat.
Im Archiv der Stiftung "Colonia Tovar" befinden sich ab 1839 viele handschriftliche Originalbriefe der Familie Benitz und ihrer Anverwandten. In dem Jahrbuch 1998 des Landkreises Emmendingen wurden in dem Beitrag über Endingen sechs Briefzitate aus den Dokumenten unseres Archivs wiedergegeben, die das revolutionäre Gedankengut der Familie Benitz und anderer in dieser Stadt anschaulich belegen.
Endingen war auch der Mittelpunkt, von dem 1842 die Anwerbung von etwa achtzig Auswandererfamilien nach Venezuela ausging. Da diese vom Vater, Johann Benitz, zusammengestellt wurden, können wir annehmen, dass sie dessen politischer Einstellung wahrscheinlich nahestanden. Alexander schrieb ihm im Juni aus Caracas: "...Lasst es Euch also sehr angelegen sein, 80 gute Familien zu bekommen...Bauersleute, die nützliche Handwerke verstehen, besonders Maurer, Zimmerleute, Schlosser, Schreiner, Schmidte, Wagner, einige gute Mühl- und Sägemühlbauer, die Wasserwerke verstehen, wenn sie auch ledig wären, es thut nichts...,aber nur Leute, die Euch Ehre einlegen....."
Die grössten Emigrantengruppen, deren Familienväter zur Ausreise in Endingen bei Johann Benitz vorsprachen, kamen aus Herbolzheim, Wasenweiler, Wyhl, Münchweyer und Forchheim. Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, aus welchen Gemeinden Auswanderer Ideen der Vormärzzeit nach Tovar und damit die dortige politische Entwicklung beeinflussten. Die Quellen hierüber sind unvollkommen, aber einer der Gemeinderäte Tovars, der als erster in Opposition zur Herrschaftsweise Codazzis trat, war der Schuhmacher Joseph Retti aus Herbolzheim. Aus Forchheim stammten Joseph Gerber, Damian Weimann und Andreas Haas, die als Kern der Tovarer Opposition die ihnen von Codazzi versprochenen politischen Freiheiten reklamierten.
Von Alexander Benitz, der bei seinem Vater in Endingen aufgewachsen ist, wissen wir, dass ihm väterlicherseits und auch von seinen Vettern her politische Grundeinstellungen vermittelt worden sind, die dem Gedankengut und den Forderungen vieler Bürger in der Vormärzzeit entsprochen haben. Es kann als sicher gelten, dass sich die regimekritische Einstellung seiner Familie gegenüber dem Grossherzogtum bei ihm in jener Zeit noch durch die berufliche Ausbildung und seine Aktivitäten als Lithograph verfestigte. Einiges deutet daraufhin, dass er 1832 nicht ganz freiwillig nach Paris ging, sondern aus politischen Gründen es eher für gegeben hielt, Baden zu verlassen. Hierfür finden wir Hinweise von Thomas Steffens in seinem Beitrag über Endingen in dem oben zitierten Jahrbuch. Alexander Benitz soll demnach schon in den 30er Jahren mit oppositionellen Emigranten in Paris in Verbindung gestanden haben und 1833 dem revolutionären deutschen Handwerkerbund in Paris beigetreten sein. Weiterhin soll er danach im Kaiserstuhl Flugblätter verteilt haben und mit seinem Vetter Carl Wagenmann an politischen Umtrieben des "Bundes der Geächteten" in Baden beteiligt gewesen sein.
Um auf die Stimmung aus der Vormärzzeit hinzuweisen, erwähne ich noch einen 1839 an Benitz gerichteten Brief von seinem Vetter, cand. med. Carl Wagemann, in dem dieser von "grösster Armuth" und "drükender Sklaverey" im Kaiserstuhl schreibt und noch hinzufügt, " Seit Deiner Abreise von Hier verwendete ich mich eifrig darum, sichere und wahre Berichte aus Amerika zu erhalten, weil ich mir dort ein Asyl suchen wollte, falls diesen Herbst meine Sachen in Carlsruhe nicht nach Wunsche ausfallen sollten." *)
Später wurde Carl Wagenmann in Freiburg von Preussen gefangengenommen und berichtete am 2. Januar 1852 hierüber an Alexander:
" Vielleicht dürfte es für Dich nicht ohne Interesse seyn, wenn ich Dir sage, dass auch ich ein Opfer der Revolution wurde und elf Wochen als Kriegsgefangener in der Carls-Kaserne in Freiburg unter hinlänglicher Bewachung durch Preussi-
sche Truppen schmachtete. Ich fiel dem Standgericht anheim, wo man mir zehn
Jahre Zuchthaus zugedacht hatte. Meiner heiteren Laune und meinem bösen Maul habe ich es aber zu verdanken, dass ich schuld- klag- und kostenfrey gesprochen wurde." *)
Drei Wochen später wird ihm von Josepha Hildebrandt die Verhaftung seines Vaters mitgeteil: "...Er brachte nämlich von Forchheim ein kleines Zöpfchen in Pfauen und liess einige Worte über Religion und Geistlichkeit fallen, die zu jeder andern Zeit unbeachtet geblieben wären, jetzt aber im Kriegszustand wurden sie ihm recht übel gedeutet und die Folge davon war, dass ihn Gendarmen einige Tage später verhafteten und ins Amtsgefängnis nach Kennzingen führten, wo er bereits schon 12 Tage sitzt. Aus besonderen Rücksichten auf sein hohes Alter durfte er uns auf drei Tage besuchen, ist aber heute wieder in seinen Kerker zurückgekehrt. ..." *)
Zu der Beschreibung der politischen Herkunft passen auch die in einem Brief der Geschwister geäusserten Gedanken über die Zukunft ihrer Söhne, "....Hier leben wir in einem so erbärmlichen Zustande sowohl hierorts als in beziehung des Landes, dass ich beabsichtige meine Söhne vortherhand alle, nachdem sie erzogen sind, nach Amerika zu schicken, mit den Töchtern komme ich villeicht selbst - Soldaten für den Grossherzog erziehe ich nicht, die - sind es nicht wirdig vom Volk unterstützt zu werden." *)
----------------------------------------------------------------------------------
*) Zitate aus Briefen des Archivs der "Stiftung Colonia Tovar" in Endingen

Besonders aufschlussreich für die politische Wertvorstellungen von Alexander Benitz halte ich das von ihm in jener Zeit in altdeutscher Schrift geschriebene Revolutionsgedicht, das ich 1964 in einem Notizbuch auf dem Dachboden eines Tovarer Hauses fand. Es scheint mir so typisch für seine Einstellung vor der Auswanderung zu sein, dass ich es auf der Titelseite dieses Heftes widergegeben habe.
" Dem Despotismus Hohn zu sprechen,
der Dummheit Scepter zu zerbrechen,
zu kämpfen für der Menschheit Recht,
Ha! Das vermag kein Fürstenknecht?

Dazu gehören freie Seelen,
die lieber Tod als Heucheley
und Armuth vor der Knechtschaft wählen,
und wisse, dass von solchen Seelen
die meine nicht die letzte sey."
Es war die prekäre wirtschaftliche und die von vielen auch als unerträglich empfundene Herrschaftssituation, die fast vierhundert Menschen zu dem Entschluss geführt hat, nach Venezuela auswandern zu wollen. Allerdings ist die Verwirklichung der Emigration nur durch das grosszügige Angebot der venezolanischen Regierung möglich gewesen.
Dadurch, dass Überfahrt und Unterhalt in den Anfangsjahren durch einen Kredit des venezolanischen Kongresses garantiert wurden, brauchten die Familien vor ihrer Abreise keinen Reisegeldnachweis in barem Gelde zu erbringen, wodurch für die meisten Badener die Verwirklichung ihrer Auswanderungswünsche erst in greifbare Nähe gerückt war.
Über die Voraussetzungen, in Europa Auswanderer für das Siedlungsprojekt anwerben zu können, das Agostin Codazzi mit Alexander Benitz im Auftrag der venezolanischen Regierung plante, habe ich im Heft 6:

"Ueber die neuen Ackerbau-Colonien in Venezuela" bereits berichtet.

In dem jetzt vorliegendem Heft möchte ich auf die Auswirkungen der Ideen der Vormärzzeit in Baden auf die gesellschaftliche Situation in den Aufbaujahren der Colonia Tovar eingehen. Die politische Unzufriedenheit führte nicht nur in Baden und anderen Teilen Europas zu Revolutionen, sondern, wie ich zeigen möchte, auch in Tovar zu einer Dorfrevolte mit Tätlichkeiten, bei der sogar mehrere Schüsse fielen. In deren Folge kam es zu einer von Codazzi in Tovar abgehaltenen Gerichtsverhandlung und zu Haftstrafen für die Revoltierenden. Wie diese Ereignisse die Entwicklung Tovars beeinflusst haben und was aus den Ideen der Vormärzzeit geworden ist, soll jetzt anhand von noch weithin unbekannten Berichtsquellen dargelegt werden.
Hierfür ist vor allem die Betrachtung der politischen Grundwerte der beiden Initianten und Träger des Auswanderungsprojekts wichtig, des Geographen Coronel Agostin Codazzis und des Endinger Lithographen Alexander Benitz.
Von dem siebenundzwanzigjährigen Alexander kennen wir aus den obigen Ausführungen seinen politischen Standort, den er vor der Auswanderung vertrat. Wir werden aber zu prüfen haben, in welchem Grad er diesen beibehalten oder über Bord geworfen hat, nachdem er von Codazzi 1840 zu einer Informationsreise nach Venezuela eingeladen und von ihm als zukünftiger Leiter der Ackerbaukolonie vorgesehen wurde.

Der in Italien geborene Agostin Codazzi hatte 1813/14 als Leutnant in einem französischen Artillerieregiment gekämpft. Später folgten Aufenthalte in Konstantinopel, U.S.A., Mexico, Buenos Aires und Kolumbien, wo ihm der Grad eines Coronels der Artillerie verliehen wurde. Von 1828 an unternahm er Vermessungen in der Nähe von Maracaibo, bevor er den Auftrag der venezolanische Regierung erhielt, den ersten Atlas des Landes zu erarbeiten. Aufgrund seiner Herkunft und auch anhand seiner schriftlichen Hinterlassenschaften muss man darauf schliessen, dass seine Herrschaftsausübung die eines militärisch ausgerichteten Patriarchen war, der sich zwar für das Wohlergehen seiner Untergebenen durchaus verantwortlich fühlte, aber andererseits es auch für seine Pflicht und für sein Recht hielt, zu bestimmen, was diese zu tun und zu lassen hatten.

Der junge Alexander betrat 1840 erstmals an der Seite des Coronels den südamerikanischen Kontinent und die für ihn "Neue Welt". Ihm wurde nach seinem kurzen Berufsleben als Kupferstecher in Paris die grosse Aufgabe übertragen, als Assistent des Geographen Codazzi im Auftrag der venezolanischen Regierung die Planung für eine Mustersiedlung für europäische Emigranten auszuarbeiten, um sie später als verantwortlicher Leiter mit zu gründen und aufzubauen. Es ist nur zu verständlich, dass sich bei Benitz die Begeisterung für eine solche Aufgabe zwangsläufig auch dem Manne zuwandte, der ihn dafür auserkoren hatte. Agostin Codazzi war nicht nur ein begabter Geograph, sondern auch eine dynamische Persönlichkeit voller kreativer Ideen. Seine Ausstrahlung und die Einführung Alexanders in den Kreis von Kabinettsmitgliedern, die das Vorhaben Codazzis bis zum Präsidenten der Nation wohlwollend förderten, bewirkte bei Benitz, dass seine frühere politische revolutionäre Position mehr und mehr in den Hintergrund trat. Die gemeinsame Aufgabe, an der Seite des berühmten Coronels dem Land Venezuela bei seinem landwirtschaftlichen Aufbau helfen und gleichzeitig vielen in Not lebenden Familien seiner Heimat den Weg in eine bessere Zukunft vorbereiten zu können, liess eine politische Distanz zu Codazzi nicht aufkommen, sondern barg eher die Gefahr einer an Hörigkeit grenzenden Solidaritätsbereitschaft in sich. Die Diskrepanz zwischen Codazzis Worten und seinem später praktizierten Herrschaftsstil konnte Alexander nicht voraussehen, als der Coronel vor dem Kongress sein ideell dargelegtes Konzept der Siedlung erläuterte und//0 betonte, dass es notwendig sei: " ...dass das Oberhaupt kein Spekulant sei, der sich aus der Arbeit der Kolonisten bereichere, sondern ein sorgsamer Vater, der mit Takt und Strenge die Kolonie führt und gleichzeitig das Glück jedes Einzelnen in dieser Gemeinschaft fördert."
Hier nimmt Codazzi die Rolle eines treusorgenden, uneigennützigen Vaters für sich in Anspruch. An einer Stelle des Projektes versichert er, "... dass er seinen Entschluss nicht mit der Idee nach persönlichen Nutzen gefasst habe, der andererseits von einer gut geführten Siedlung gar nicht zu trennen wäre."
Nach seiner Planung sollten die Siedler, nach einer kurzen Erholungs- und Einrichtungspause von anderthalb Monaten, dazu verpflichtet sein, drei Tage in der Woche auf den Feldern des "Oberhauptes der Kolonie" zu arbeiten. Drei Tage dürften sie für ihre eigenen Felder verwenden. Die für das Oberhaupt der Kolonie geleisteten Arbeiten würden ihnen für den in La Victoria üblichen Tagelöhnerlohn bei der Tilgung ihrer Schulden angerechnet werden. Die Siedler sollten somit für den Lohn der analphabetischen Tagelöhner arbeiten, der in den umliegenden Hazienden La Victorias zum Schlagen des Zuckerrohrs gezahlt wurde.
Der sich bereits im Entwurf des späteren Siedlervertrages abzeichnende patriarchische Herrschaftsanspruch Codazzis, der jetzt als Kolonieoberhaupt einen dreitägigen, frondienstähnlichen Arbeitseinsatz der Siedler auf seinem Land vorsah, hat bei Benitz trotz seiner früheren politischen Einstellungen keinen Widerspruch hervorgerufen.
Andererseits hatte Codazzi den Auswanderern aber auch versprochen, dass sie in der aufzubauenden Siedlung von Steuern befreit wären,
dass sie in den ersten 16 Jahren keinen Militärdienst leisten müssten, und
nur bei kriminellen Delikten den Landesgesetzen unterworfen sein würden, was dem politischen Denken von Benitz entgegenkam. Codazzi versicherte ihnen, wie auch vor dem venezolanischen Kongress, "dass die Siedler sich völliger Freiheit erfreuen, und dass sie nach den Gesetzen leben könnten, die sie sich für die Ordnung in der Kolonie selbst geben würden."

Wie sehr Alexander Benitz, dessen Werte von den politischen Inhalten des
Vormärz geprägt waren, diese Worte Codazzis beeindruckten, an die er fest glaubte, geht aus einem im Frühjahr 1842 geschriebenen Brief hervor. In ihm schilderte er kurz vor der Heimreise aus Venezuela voller Begeisterung seinen Eltern den Coronel Codazzi mit folgenden Worten:
" Der Oberst Codazzi hatte eine grosse Freude, das Ihr Euch um die Sache annemt. Ihr werdet sehen, was das für ein herrlicher braver Mann ist, und ich kann von Glück sagen ihn getroffen zu haben."

Es ist "überliefert", dass Codazzi vor der Abreise im Pfauen zu Endigen gewohnt haben soll, und dort auch die Vertäge mit den Familienvätern und Ledigen unterzeichnet hätte.
Dies halten aber sowohl Leopold Jahn als auch ich für kaum möglich. Denn die Verträge wurden im Dezember 1842 in Endingen von den Auswanderern signiert. Caroline Benitz, Heinrich Ruh und andere unterschrieben sie dort am 6. Dezember. Im November und in der zweiten Dezemberhälfte weilte Codazzi sehr beschäftigt in Paris. Er verhandelte dort mit den Ministerien wegen der freien Durchreise der Auswandererfamilien, und mit den Reedern wegen der Charterbedingungen und des Einschiffungstermins. Nicht zuletzt war er sehr engagiert, alle notwendigen Einkäufe für die Seereise und für die technischen und materiellen Bedürfnisse der zu gründenden Ackerbau-Kolonie zu veranlassen.
Aus den erhaltenen Briefen der damaligen Wochen geht hervor, dass Codazzi am 15. November 1842 die gedruckten, wahrscheinlich mit seiner Blankounterschrift versehen Verträge nebst 500 Gulden vertrauensvoll von Paris nach Endingen an Benitz abschickte. Am 20. 11. sandte Codazzi eine Kopie des vierseitigen Chartervertrages für den Dreimaster "La Clemence" an Benitz. Danach befinden sich weitere 5 Briefe Codazzis vom 12., 14., 18., 24. und 30. Dezember, die er in Paris schrieb, in unserem Archiv.
Wir wissen nicht, ob Codazzi wirklich Endingen besucht hat. Das könnte höchstens zwischen Ende November bis Anfang Dezember der Fall gewesen sein. Wenn er persönlich Verträge am 6. Dezember in Endingen unterschrieben haben sollte, dann müsste er gleich nach dem 11. November nach Endingen gereist sein, denn spätestens ab 12. Dezember war er wieder in Paris. Dass Codazzis damalige Anwesenheit in Endingen wenig wahrscheinlich ist, darauf deutet auch hin, dass in keinem der vielen Briefe, die anschliessend von Codazzi an Benitz gerichtet wurden und auch in denjenigen, die später zwischen Alexander und seinem Vater gewechselt wurden, ein Besuch Codazzis in Endingen erwähnt wurde. Auch ist in keinem der Briefe ein persönlicher Gruss seitens der Familie Benitz in Endingen an Codazzi oder umgekehrt von Codazzi an die Familie Benitz gerichtet worden.

Codazzi hatte, wie wohl kaum ein anderer Anwerber grösserer Auswanderergruppen, mit ausserordentlicher Gewissenhaftigkeit für die notwendige Alimentation und für die medizinische Versorgung während der Überreise gesorgt. Auch kümmerte er sich engagiert um die Anschaffung der notwendigen Geräte zum Aufbau der Siedlung. Hierin zeigt sich die positive Seite des Patriarchen Codazzi, der sich sehr für die ihm anvertrauten "Kinder" verantwortlich fühlte. Weniger gut war vielleicht, dass er selbst daran glaubte, einhalten zu können, was er ihnen für ihre Zukunft versprach:
" Ihr habt Euch im Lande des Despotismus schlafen gelegt, und seid auf dem Boden der Freiheit aufgewacht."
Als die Auswandererfamilien das noch in der Rodung begriffene Urwaldtal im Quellgebiet des Rio Tuy gegen Ende der Trockenzeit erreichten, waren sie angesichts der Vorstellungen, die sie sich von ihrer zukünftigen Siedlung gemacht hatten, bitter enttäuscht. Beim Anblick des von der Brandrodung geschwärzten Talbodens, auf dem zwischen den verkohlten Baumstümpfen kein grüner Halm zu sehen war, brachen sie voller Verzweiflung in Tränen aus. Hierzu der Bericht von Benjamin Gerig nach Erzählungen seines Grossvaters, der mit 16 Jahren die Ankunft in Tovar miterlebte.
" Wo sie das Loch gesehen hatten in dem Wald, da haben sie angefangen zu heulen, so traurig, wie sie da gewesen sind, dass sie in diesem Wald müssen hocken."
Im krassen Widerspruch zu der geschilderten Situation steht die schnelle Gründung eines Gemeinderates, der bereits 14 Tage nach Ankunft der Kolonisten gewählt wurde. Er setzte sich zusammen aus: Bürgermeister Andreas Vollweider (Eichstetten), Sekretär Nikolaus Teufel (Württemberg), Beisitzer Martin Collin (Bergheim), Joseph Retti (Herbolzheim), Georg Kienzler (Wasenweiler), Babtiste Blank (Ettenheim), Kaspar Berblinger (Herbolzheim) und Johann Müller (Gündlingen).
Auf seiner ersten Sitzung wurde beschlossen, der venezolanischen Regierung die Konstitution des Gemeinderats mit dem nachstehenden Situationsbericht bekanntzugeben.
Die Gemeinderäte bestätigten einstimmig: (Auszug)
- dass sie mit allen Massnahmen, die seitens des Chefs der Kolonie, Oberst Agostin Codazzi, getroffen worden sind, völlig einverstanden seien.
- dass jeder Kolonist zufrieden sei mit dem Umstand, der ihn in die glück- liche Lage versetzt habe, sein Haus zu bauen und einen kleinen Garten anzulegen.
- dass alle Mitglieder entrüstet seien über das Betragen einiger weniger Individuen, welche sich von der Kolonie entfernten, bevor sie die projek- tierten Vorhaben gekannt und die Obrigkeit miternannt hätten, so wie es der Chef der Kolonien bestimmt hatte.
- dass diese Individuen wieder umgekehrt seien, in die Kolonie zurückge- kehrt und nun sehr zufrieden wären mit all dem, was man für das Ge- meindewohl der Kolonisten unternommen hatte.
Die schnelle Gründung einer Gemeinde lag sehr im Interesse Codazzis, der eine Verwaltungsinstanz benötigte, um in dem neuen Gemeinwesen Polizeichef und Friedensrichter werden zu können. Beide Ämter wurden ihm am 5. Mai 1843 vom Innenministerium übertragen.
Als der Gemeinderat bei Codazzi vorsprach, um ihm die Wünsche und Beschwerden einiger Siedler mitzuteilen, empfing er ihn in seinem Haus in La Victoria. Codazzi reagierte sehr ungehalten, vor allem, als er von den Gemeinderatsmitgliedern gebeten wurde, ihnen für eine Reise nach Caracas "Reisepässe" auszustellen. Sie beabsichtigten, die dort alteingesessenen Deutschen um Rat und Hilfe zu bitten. Der Oberst schickte sie kurzerhand wieder mit dem Hinweis nach Tovar, dass er demnächst selbst in die Siedlung reisen würde.
An Benitz schrieb er entrüstet: "Gerade die, die ein gutes Beispiel abzugeben hätten, verlangen nach Caracas zu spazieren, währenddessen ich als Diener dieser Herren ihre Familien zu unterhalten habe. ... Ich schäme mich solche Menschen in das Land gebracht zu haben. Demoralisierte und Trunkenbolde. Es sind Leute die kein Verständnis verdienen, sie respektieren sich selbst nicht und können auch nicht respektieren, wozu ich mich entschlossen hatte, nämlich sie mit harter Hand zu führen oder sie wegzujagen und allein zu bleiben."
Alexander Benitz stellte sich ganz auf die Seite Codazzis, selbst, als dieser bei seinem Besuch in Tovar den Gemeinderat zweieinhalb Monate nach seiner Gründung auflöste und anschliessend die Kolonieausgänge von Militär überwachen liess. Jetzt konnte niemand mehr ohne Erlaubnis Tovar verlassen. Diese Willfährigkeit gegenüber Codazzi und die kritiklose Anpassung an dessen Herrschaftsausübung bewirkte ein Stimmungstief in Tovar. Bei den Familienvätern, die ihre Vorstellungen einer demokratischen Verwaltung gescheitert sahen, verbreitete sich Verachtung und offene Feindschaft gegenüber Benitz.
Wie sehr sich dessen politische Einstellung von seinen früheren Idealen entfernt hatte, zeigt die subjektive Schilderung der Abschaffung des Gemeinderats in einem Brief an seinen Vater, indem er auch die militärische Bewachung des Dorfes als strengere Massregel verharmloste: "Der Oberst sah sich genöthigt das ganze Krähenwinklerwesen über den Haufen zu werfen, da er jetzt nach den Gesetzen die Stelle als Friedensrichter vertritt, welche ihm von der Behörde in La Victoria zugeteilt wurde. Strengere Massregeln wurden getroffen und jeder zum Arbeiten veranlasst."
Man fragt sich, was ist aus der früheren politischen Grundhaltung des Alexander Benitz geworden, was kann bei ihm diesen Wandel bewirkt haben?
Einerseits wird es die Realität gewesen sein, für die materiallen und seelischen Nöte von fast 400 Menschen in dem kärglich gerodeten Urwaldtal die Verantwortung tragen zu müssen, die ihn unter einen starken Druck setzte. Andererseits wird auch die Konfrontation mit den enttäuschten Siedlern, unter denen sich auch einige, nicht zu integrierende Abenteurer befanden, gegen die er vorgehen musste, zu dem Wandel beigetragen haben.
Entscheidend für seine "Anpassung" war jedoch der starke suggestive Einfluss, der von der Persönlichkeit Codazzis ausging. Ihm unterlag der junge
Alexander ziemlich wehrlos. Codazzi erlebte er als international anerkannten Geographen, der ihn für die Verwirklichung der ideelle Aufgabe, ein Musterprojekt für die Migration nach Südamerika zu leiten, für fähig hielt. Das bedeutete einen Wendepunkt im Leben von Alexander, als er sich zur Verwirklichung von Codazzis Plänen entschloss. Er hatte der begeisternden Rede Codazzis vor dem Kongress in Caracas beigewohnt und ihre Wirkung auf das Parlament gespürt. Es war ein grosses Erlebnis für ihn zu sehen, wie Codazzi mit den höchsten Persönlichkeiten bis hin zum Staatspräsidenten auf freundschaftlichem Fuss verkehrte. Für diesen Mann und dessen Ziele wollte er voller Idealismus seine Kraft und sein ganzes Können einsetzen.

Sein jüngerer Bruder Theodor, der nicht der charismatischen Ausstrahlung und der suggestiven Beeinflussung Codazzis ausgesetzt war, der aber auch nicht die Verantwortung der Verwaltung einer neu gegründeten Siedlung auf seine Schultern geladen hatte, war über den Wandel seines Bruders empört. Als er öffentlich gegen ihn agierte und von Benitz Seite her nicht anders zur "Vernunft" zu bringen war, wurde er mit Stricken gebunden und arretiert. Er soll sich dagegen aufgebäumt haben und einen Hitzschlag erlitten haben. Schriftliche Dokumente über den Tod Theodors sind mir nicht bekannt, deshalb hierzu wieder die von Benjamin Gerigs Grossvater überlieferten Worte: "Es ist ihm in seiner Brust etwas zersprungen!"

Dieses Ereignis und auch die von Codazzi verschuldete missliche Situation, dass Benitz weder für seine Verwaltungsarbeiten noch für seine Vermessungen der Siedlerparzellen und deren Kartographierung eine direkte Entlohnung erhielt, sondern mit dem Lebensmittelmonopol des Gemischtwarengeschäftes "Hermanos Benitz C.A." seinen Lebensunterhalt zu bestreiten hatte, sorgten dafür, dass die Gebrüder Benitz bei vielen Familienvätern verhasst waren.
Die "stengeren Massregeln" bewirkten zunächst nur ein scheinbares Abflauen des Widerstandes gegen Benitz und Codazzi, denn den Siedlern waren alle politischen Aktivitäten untersagt. Diese konnten sich aber nicht damit zufrieden geben, dass sie praktisch von der Aussenwelt abgeschnitten waren, und dass Oberst Codazzi, der ihnen zugesichert hatte, " sie könnten nach den Gesetzen leben, die sie sich für ihre Ordnung in der Kolonie selbst geben würden", sie jetzt als Friedensrichter und Polizeichef bei ihrer Feldarbeit von venezolanischen Soldaten bewachen liess.

Im Januar 1844 gelang es den Auswanderern Joseph Gerber, Damian Weimann, Michael Weber und Georg Schawang, ohne Genehmigung nach Caracas zu reisen. Sie besuchten dort ansässige Landsleute und baten um deren Rat und Hilfe.
Als Codazzi davon erfuhr, liess er sie verhaften und in das Gefängnis von La Victoria überführen. Er beschuldigte sie "zur Auflösung der Kolonie entschlossen zu sein " und er veranlasste, dass sie unter Eid über ihre Fragen und über die Namen und Auskünfte ihrer Landsleute berichten mussten. "Sie hätten mit sechs Personen gesprochen. Sie hätten nicht im Sinn, die Kolonie aufzulösen. Herr Yang und Herr Braun hätten ihnen geraten, wenn sie
Beschwerden hätten, sollten sie diese ihnen mit etwa 40 bis 50 Unterschriften versehen zustellen, damit man diese dem Konsul zur Weiterleitung an die venezolanische Regierung übergeben könnte."
Trotzig bestätigten sie, dass man ihnen gesagt hätte: "Sie brauchten keinen Pass, um innerhalb des Landes reisen zu können, und wenn man von ihnen das Gegenteil verlangen würde, so wären das "Gesetzte", die Herr Codazzi selbst gemacht hätte."
Nach 20 Tagen wurden sie aus dem Gefängnis entlassen und wieder nach Tovar geschickt. Hier warteten die anderen oppositionellen Familienväter bereits auf ihre Berichte und dadurch spitzte sich die Tendenz zur offenen Revolte zu. Es fanden Versammlungen statt und es wurde eine Beschwerdeschrift zur Unterzeichnung herumgereicht. Benitz blieb die aggressive Stimmung nicht verborgen, und nach seinen eigenen Worten befürchtete er gemäss dem späteren Gerichtsprotokoll, " dass viele dazu entschlossen seien, ihn und seine Familie zu überfallen."
Um diesem Überfall zuvorzukommen, begaben sich Benitz mit etwa 15 Kolonisten, die zu ihm hielten, zusammen mit Bruder Karl und seinem Vetter Heinrich Ziegler nachts zum Haus von Damian Weimann mit der Begründung, " dass man dort vorher Waffen und versammelte Männer gesehen hätte".
Benitz gab hierüber zu Protokoll: " Als wir ankamen habe ich an die Tür geklopft und im Namen der Gerechtigkeit Einlass verlangt. Das tat ich dreimal, erhielt aber jedesmal die Antwort, dass Weimann jeden, der über seine Schwelle treten würde, mit seiner Axt angreifen wolle! Ich gab darauf den Befehl, die Tür mit Gewalt zu öffnen, was nun auch geschah. Wir haben dann in dem Zimmer, in dem er wohnt, den Damian Weinmann und seine Frau im Bette angetroffen.
In diesem Moment erschienen Joseph Gerber, Andreas Haas, und Georg Boos; der erste mit einem Beil bewaffnet, der zweite mit einem Stock. Ich gab den Befehl Gerber zu binden, der jedoch Widerstand leistete und von Georg Boos darin unterstützt wurde. Boos konnte ergriffen werden, jedoch wurden seine Stricke durchschnitten, ich weiss nicht von wem. Das rief nun einen kleinen Tumult hervor, es kamen noch mehr Deutsche hinzu, von denen ich der Stimme nach nur Georg Schawang identifizieren konnte. Die Gruppe entfernte sich dann etwas und es wurden Steine auf uns geworfen. Ich forderte sie auf, diese Angriffe zu unterlassen, wenn sie nicht wollten, dass wir mit unseren Gewehren antworten würden. Daraufhin hat einer dieser Gruppe geschossen und der Schuss wurde von einem Kolonisten, der sich bei unserer Gruppe befand, beantwortet, ohne dass man feststellen konnte, dass jemand verwundet worden wäre. Später stellte sich dann heraus, dass der Kolonist Stephan Holzer einige Schrotkörner in das Gesicht und in die Brust bekommen hatte. Das war in derselben Nacht, aber es scheint, dass diese Verwundung von einem weiteren Schuss herrührt. ...Damit schienen die Ordnungswidrigkeiten vorbei zu sein und wir begaben uns in mein Haus, den einen gebunden, den anderen frei. Als wir dann das Magazin betraten, stellte sich Michael Weber. Er sagte, da wir seine Freunde verhaftet hätten, wolle er sich ergeben, um nicht von ihnen getrennt zu sein."
Alexander Benitz bestätigte in seinem Bericht zwar, dass ein Kolonist aus seiner Gruppe geschossen hätte, aber er nannte wohl bewusst nicht dessen Namen, denn es war sein Vetter Heinrich Ziegler gewesen, der Stephan Holzer im Gesicht und an der Brust verwundet hatte.
Auf der von Oberst Codazzi abgehaltenen Gerichtsverhandlung sagten ausser den in La Victoria Inhaftierten alle Familienväter und ledigen Kolonisten aus. Die interessantesten Passagen des Gerichtsprotokolls sollen hier wiedergegeben werden.
Beginnen wir mit der Aussage des oben zitierten Georg Boos, (Ledig, aus Teningen, 24 Jahre), dessen Familie seit Jahrzehnten mit der Familie Benitz in Endingen befreundet war:
"Er wäre zu Hause gewesen, als der Tumult begann. Als er die lauten Stimmen hörte, lief er zum Haus von Damian und wehrte sich dagegen, dass die Drohungen gegen Damian in die Tat umgesetzt würden, weil er sie für ungerechtfertigt hielt. Daraufhin wurde er sofort angegriffen und war schon halb gefesselt, als ihm Andreas Haas die Fesseln durchschnitt, und er fliehen konnte. Er sagte aus, dass Benitz ihm, als er ankam, ihm eine Machete auf die Brust setzte und ihm sagte, er wäre ihr Freund gewesen und jetzt wolle er sie umbringen. Was würdest Du jetzt sagen, wenn ich Dich töten würde, hätte er ihn gefragt." Boos erwähnte noch: "dass er wüsste, dass das Gerücht umginge, er wolle die Familie Benitz töten, was aber falsch wäre."

Georg Kienzler (Bauer aus Wasenweiler, 46 Jahre. Hatte zum Gemeinderat gerhört) : "Er habe vielmals Zusammenkünfte im Haus von Damian gesehen. Auch Schawang sei dort gewesen und von den Stimmen konnte er hören, dass man über die Auflösung der Kolonie sprach, weil sie soviele Schulden haben machen müssen und sie deshalb diese ihr Leben lang als Sklaven abarbeiten sollten. Die Sklaverey sei vor zwanzig Jahren, seit der Unabhängtigkeit abgeschafft worden, aber es würde wenig fehlen, um sie bei ihnen wieder einzu-
führen. Sie müssten alle nach Caracas gehen, weil sie dort Geld bekämen und die Kolonie aufgelöst würde. Am Sonntag hätte er verschiedene Gruppen und Bewegungen gesehen. Korndörfer hätte ihm gesagt, sie sollten vorsichtig sein, den in dieser Nacht würde einiges passieren und Blut fliessen. Als er den Tumult gehört hätte, wäre er daheim geblieben, weil er Angst hatte, ein Opfer zu werden." Als man ihn nach seiner Unterschrift fragte, wer die Anführer seien, antwortete Kienzler:"Da er in der Nähe von Schawang wohnte, könnte er täglich hören, dass dieser nicht arbeitete und seine ganze Zeit damit verbrächte, gegen die Kolonie zu wettern. Er behauptete, dass die Kolonie aufgelöst werden müsse, und die Chefs alles zu bezahlen hätten..."

Andreas Vollweider, (Wagnermeister aus Eichstetten, 39 Jahre, kurzzeitig Bürgermeister in Tovar) wurde gerufen und unter Eid aufgefordert, alles zu sagen, was er über den Vorfall des Elften wusste. Er gab zu Protokoll "Am nachmittag des 11. habe er gehört, wie einige Leute schrien `Die Freiheit oder Tod`. Speziell die Frauen von Gerber und Scheuerle riefen aus, `die, die sich uns nicht anschliessen, sind nutzloses Gesindel!` - Dass er vom Siedler Korndörfer gewarnt wurde, er solle vorsichtig sein, da man ihn angreifen wolle. Als es dunkel wurde, hätte er gesehen, wie Andreas Haas mit einer Flinte bewaffnet in die Kneipe hineinging und kurz danach wäre noch ein anderer mit einer Machette gekommen. Das wäre alles, was er an diesem und an den vorangegangenen Tagen gesehen hätte. Er glaube, dass die Drahtzieher Damian Weimann, Joseph Gerber, Michael Weber und Schawang seien, weil sie dauernd predigten, dass wenn alle ihnen folgten, sie Geld bekommen würden, um dorthin gehen zu können, wohin sie wollten. Er wäre einer derjenigen gewesen, die zum Haus von Benitz gegangen wären, um ihn zu verteidigen und die Ordnung aufrecht zu erhalten."
Anton Ham, (verh., Bauer aus Herbolzheim, 39 Jahre) berichtete: "Dass er gegen mittag des 11. im Haus von Rudmann war, als Stephan Holzer mit der Nachricht hereinkam, wenn die Hälfte der Kolonisten ein Schreiben unterschreiben würden, das der Lehrer Teufel aufgesetzt hätte, dann könnten alle dahin gehen wohin sie wollten und die Kolonie würde aufgelöst.
Er und Rudmann hätten geantwortet, dass sie in Tovar blieben und den Boden, derjenigen, die weggehen würden mit bebauen würden. Ich sage weiterhin aus, dass Joseph Rudmann behauptete, dass zwischen denen, die das Schreiben unterzeichnet hätten und denen, die es nicht unterschrieben, Blut fliessen würde. Kurz danach gingen wir mit Peter Binz zum Kirchplatz um zu sehen, was los wäre. Wir trafen Carlos Benitz, der uns bat dazubleiben um seine Familie, die erpresst würde, zu beschützen.
Als man in der Gerichtsverhandlung Johannes Steuert (Mühlenbauer, 23 Jahre aus Merzhausen) fragte, warum er das Protestschreiben von Nikolaus Teufel unterschrieben hätte, antwortete er: "Weil man nachträglich die Passagekosten um 20 Franken erhöht hätte, dass sie kein Land bekommen hätten, und alles so teuer wäre, dass sie viele Schulden machen müssten."

Joseph Brunner, (Zimmermann aus Waltershofen, ledig) sagte aus:
"Er wisse nichts vom Ursprung der Revolte und zur Zeit des Tumultes sei er zu Hause gewesen. Als Carlos Benitz in Begleitung einiger Siedler und seines Bruders Alexanders vorbeiging, forderte er sie auf sich zurückzuziehen, weil er sonst das Feuer gegen ihn eröffnen würde. Kurz darauf hörte er Carlos Benitz ausrufen, wer ist die Canaille, die uns töten will? - Seine Beschwerden wären, man hätte nicht das gehalten, was im Vertrag vereinbart worden war, weil sie bei der Ankunft weder genügend Häuser noch Land gehabt hätten, und dass man ihnen für ihre Einkäufe nur Bezugsscheine anstatt Geld gäbe, und in der Siedlung die Kleidung und das Essen zu teuer wären. Auch wären die Gesetze nicht streng genug, um Unordnung zu vermeiden."

Michael Guth, (Bauer aus Herbolzheim, 44 Jahre) berichtete: " Als ich den Krach hörte, war ich daheim. Ich dachte erst, der Tumult wäre unten bei Feil. Aber dann traf ich Michael Weber, der mir sagte, es wäre im Haus von Damian. Als wir uns dahin begaben, sahen wir Carlos Benitz, der uns befahl, zurückzugehen und sein Gewehr lud. Als wir gingen, fiel ein Schuss und eine Kugel flog dicht an uns vorbei. - Wenn man in der Kolonie das vorgefunden hätte, was ihnen im Vertrag versprochen worden wäre, bräuchten sie nicht so viele Schulden zu machen. Ausserdem scheint in einigen Teilen der Boden nicht fruchtbar zu sein. Ich glaube, dass meine Söhne nicht die Schulden bezahlen können, die auf ihnen lasten. In Deutschland hätte man ihnen viel versprochen, aber hier wenig davon gehalten."

Der Ledige Xaver Baumöhl (aus Ettenheim, 29 Jahre) sagte aus: "Von dem Ursprung der Revolte wisse er nichts und zur Zeit des Tumultes sei er bereits im Bett gewesen. Er wäre aufgestanden um nachzusehen, was sich ereignete. Dabei sei er jedoch angehalten und nach Haus geschickt worden. Auch berichtete er, dass er noch gesehen hätte, wie Carlos Benitz dem Robert Frey ein Gewehr auf die Brust setzte, und ihn aufforderte, stehen zu bleiben, sonst würde er ihn erschiessen. Als Frey Folge leistete, ging Benitz weg. Zu seinen Beschwerden befragt, sagte er, dass man ihnen in Deutschland vieles versprochen und glauben gemacht hätte, was er nicht vorgefunden hätte.

Der Siedler Andreas Haas, (ledig aus Forchheim, 27 Jahre) wurde gefragt, warum er in das Haus von Damion Weimann gegangen sei und dort die Verhaftung von Gerber verhindern wollte. Er antwortete: " Dass er wegen der Schreie mit einem Stock durch das Fenster dort eingedrungen sei..."
Als man fragte, ob er die Fesseln von Boos durchschnitten hätte, gab er das zu und berichtete: "...als sie Gerber wegbrachten und seine Frau hinter ihm hergehen wollte, hätte Benitz (Karl Benitz) ihr einen Stoss an die Brust gegeben und ihr dann eine Machete vor das Gesicht gehalten und ihr gesagt, sie sollte auch sterben."

Codazzi hatte zwar durch Polizei- und Militäreinsatz temporär die äusserliche Ordnung wieder herstellen können, keineswegs jedoch konnte er durch Machtdemonstration und Repression die oppositionellen Siedler von der Rechtmässigkeit seiner Herrschaftsausübung überzeugen. Dies geht auch aus der erstaunlich hohen Anzahl von Kolonisten hervor, die das Schreiben vom Lehrer Teufel unterzeichneten. Wenn auch einige den Inhalt vielleicht nicht genau kannten, so war ihre Unterschrift doch der Ausdruck eines Protestes gegen die nicht eingehaltenen Vertragsbedingungen und gegen die Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit. Deshalb zogen viele es weiterhin vor, aus Tovar zu fliehen. Nur wurde das aufgrund der Gegenmassnahmen Codazzis immer gefährlicher. Denn der Oberst hatte durchsetzen können, dass der Polizeichef von La Victoria die improvisierten "Pässe" der Kolonieleitung durch ein Dekret legalisierte. Er verfügte sogar, dass jeder Siedler, der ausserhalb Tovars ohne Pass angetroffen würde, als Landstreicher abzuurteilen sei. Dieses Dekret wurde in Tovar mehrfach öffentlich verlesen.
Durch diese Eskalierung der Repressalien hatte Codazzi nun endgültig alle Familienväter gegen sich aufgebracht, denn einen besseren Beweis für die Richtigkeit und auch Notwendigkeit zur Durchsetzung der politischen Forderungen der Vormärzzeit konnte der Coronel ihnen nicht präsentieren. Ob Codazzi selbst gespürt hat, dass trotz seiner fachlich guten geographischen Planung und seines unbestreitbar grossen Einsatzes, es ihm nicht gegeben war, eine so grosse Gruppe politisch gegensätzlich ausgerichteter Menschen zu führen, wissen wir nicht. Aber anhand des Studiums seiner Briefe glaube ich kaum an eine solche Einsicht, denn er schimpfte in immer gröberer Form über seine Siedler, die er zuletzt Benitz gegenüber wütend als "animales" anstatt "alemanes" bezeichnete.
Schliesslich musste er diejenigen, die ihre Schulden bezahlt hatten, aus der Kolonie ziehen lassen. Mit denen, die dazu noch heimlich geflüchtet waren, halbierte sich einige Monate nach der "Revolte von Tovar" die Einwohnerzahl. Das wird den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Codazzi die Lust am weiteren Schicksal Tovars verlor. Somit hatte das von Baden nach Tovar gelangte Ideengut der Vormärzzeit in der Colonia Tovar das Ende seiner patriarchialischen Herrschaft bewirkt.

Codazzi kassierte am 28. November des gleichen Jahres die letzten vom Kongress für den Aufbau der Siedlung bewilligten 10.000.- Pesos und reiste in die Provinz Barinas, wo er im Dezember das Amt des Gouverneurs übernahm. Daraufhin wurde Alexander Benitz vom Präfekten von La Victoria zum Friedensrichter und Polizeichef der Colonia Tovar ernannt. Er wandte sich mit beruhigenden Worten an die Familienväter, die in dieser Situation dringend einen fähigen Kolonieleiter benötigten. Sie waren auf Alexander Benitz angewiesen, denn von den Dagebliebenen konnte schon wegen der grossen Kinderzahl kaum eine Familie den Sprung in die Stadt wagen. Sie berieten von nun an in kooperativer Weise mit Benitz den weiteren Aufbau der Siedlung und schafften als Erstes die dreitägige Frohnarbeit auf dem Land des "Kolonieoberhauptes" ab.
Als Codazzi später in einem Brief den Ertrag seines Landes aus der Kolonie anforderte, berichtete Benitz von Missernten und warf ihm ausserdem vor: "..Sie haben mich hier ohne Geld gelassen!" Danach ist mir kein Kontakt mehr zwischen Benitz und Codazzi bekannt.

In der nun für die stark reduzierte Auswanderergruppe wohl härtesten Zeit, in der sie ohne weitere Zuschüsse in dem isolierten Urwaldtal buchstäblich um ihr Überleben zu kämpfen hatten, zeigte sich ihr starker Arbeitswille, ihre Genügsamkeit und auch ihre Zähigkeit. Sie mussten nicht nur hart arbeiten, sondern viele hatten auch unter Hunger zu leiden. In dieser von Not geprägten Epoche, in der die Kinder kaum unterrichtet wurden und Analphabetismus drohte, verlor sich auch das Ideengut der Vormärzzeit, zumal sie damals auch unter venezolanischen Revolutionen zu leiden hatten.
In Alexander Benitz vollzog sich nun, da er der Alleinverantwortliche war, wiederum ein Wandel. Er hat erfahren müssen, dass von Codazzi keine Hilfe und kein weiterer Einsatz für die von ihm geplante "Mustersiedlung" zu erwarten war. Er sah, dass ohne ihn die noch in Tovar lebenden Familien kaum eine Zukunftschance hätten, was für ihn den Ausschlag gab, in Tovar zu bleiben. Alexander hätte sich auch leicht wie sein Bruder Karl nach Caracas orientieren können, wo er als hochbefähigter Lithograph und erfahrener Geometer ein sehr gutes Auskommen gehabt hätte. Dieser Versuchung unterlag er jedoch nicht. Zielstrebig setzte er sich für eine erfolgreiche Entwicklung der Siedlung ein. Er forderte wiederholt von der Regierung, den Tovarern ihre Schulden zu erlassen. Zu dem rechtmässigen Erben des Mitbegründers der Siedlung Don Martin Tovar, dem Neffen Manuel Felipe de Tovar, hielt er ständigen Kontakt. Diesem weitsichtigen Mann, der später eine zeitlang Staatspräsident von Venezuela werden sollte, lag sehr daran, das Projekt seines Onkels keinesfalls scheitern zu lassen. Auch setzte er sich massgeblich für den Schuldenerlass ein. Er erlebte bei seinen Besuchen, wie ernsthaft die Siedler um ihre Existenz rangen, und wollte ihnen helfen, einer sicheren Zukunft entgegengehen zu können. Deshalb wurde von ihm in Zusammenarbeit mit Benitz die Schenkung des gesamten Tales an die Dorfgemeinschaft vorbereitet. Ihr sollte eine genügend grosse Landreserve als Eigentum für die jetzt dort arbeitenden Auswandererfamilien und auch für eventuell neu hinzukommende Emigranten aus Europa und deren Nachkommen zur Verfügung stehen. Er beriet sich mit Benitz, der die Landvermessungen für das "Gemeindekataster" zu erstellen hatte und die Besitzurkunden für die Landzuteilung an die Siedlerfamilien ausarbeiten musste. Mehrfach reiste Manuel Felipe de Tovar nach Tovar und hörte sich die Vorstellungen und Wünsche der Familienväter an. Im Frühjahr 1852 unterschrieb Manuel Felipe de Tovar die Urkunde, mit der er grossherzig der Dorfgemeinschaft das gesamte Tal übereignete. Dadurch wurden die Auswanderer rechtmässige Eigentümer des ihnen nach Familiengrösse zugeteilten Bodens. Die von dem Juristen Manuel Felipe de Tovar mit beispielhafter Gründlichkeit auf die Bedürfnisse der Siedler und ihrer Dorfgemeinschaft ausgerichteten Bedingungen und Auflagen der Schenkungsurkunde umfassten über 17 Paragraphen. Ihre Wiedergabe würde in diesem Heft etwa 13 Seiten beanspruchen. Die Familienväter erkannten in diesen Ausführungen die Chance, dass sie und ihre Kinder jeweils schuldenfreie Eigentümer auf eigener Scholle werden konnten. Auch sahen sie weitgehend die Erfüllung ihrer Vorstellungen und Wünsche, die sie Benitz aufgetragen oder selbst an Manuel Felipe de Tovar gerichtet hatten. Der Konsens mit dem Text der Schenkungsurkunde war so stark, dass ihr Inhalt von Ihnen fast neunzig Jahre lang zu ihrem "Koloniegesetz" mit der Bedeutung einer für sie geltenden "Verfassung" erklärt wurde. Die Einhaltung des Koloniegesetzes überwachten vor allem die Sippenältesten, und diese hatten nicht nur auf die Siedler, sondern auch auf die jeweiligen aus der Kolonie stammenden Bürgermeister einen bedeutsamen Einfluss.
Darin kann man eine "kulturelle Eigenart der Herrschaftsausübung" der Tovarer erkennen, die sich herausbildete, nachdem Codazzi eine demokratische Verwaltung durch Absetzung des Gemeinderats verhindert hatte und etwa die Hälfte Auswanderer durch ihre Fluchtbewegung der patriarchalischen Herrschaft des Obersten ein Ende gesetzt hatten. Es entstand in der folgenden Zeit ein eigenes, fast drei Generationen überdauerndes Modell, in dem auf den Versammlungen der Familienväter zwar die anstehenden Probleme diskutiert wurden, aber nur in seltenen Ausnahmefällen Entscheidungen herbeigeführt wurden. Erst in einer darauffolgenden zweiten Versammlung, nachdem die Sippenältesten sich informell beraten hatten, wurden die Entscheidungen nach deren Willen getroffen. Die jüngeren vertraten in der Regel die wenigen Ämter, die es gab, aber sie entschieden immer erst auf Weisung der Sippenältesten und mit ihnen zusammen in der zweiten Versammlung.
Als im Jahr 1942 der Gouverneur des Estado Aragua die Siedlung per Gesetz zum "Municipio Tovar" erklärte, wurde sie zunächst von drei Venezolanern verwaltet, dem Prefekten Sr. Power, dem Richter Sr. Albaran und dem Polizeichef Sr. Rios. Das Koloniegesetz verlor mehr und mehr seine Gültigkeit. Das vollzog sich auch noch in der Zeit danach, als wieder mehrere Tovarer das Amt des Gemeinderatspräsidenten ausübten. Die längste Amtszeit von ihnen hatte Juanico Breidenbach, ein Schwiegersohn des langjährigen früheren Bürgermeisters Wilhelm Ruh. Diese beiden offiziellen Amtsinhaber waren in jener Übergangszeit aber auch gleichzeitig die tonangebenden Ältesten der beiden grössten Sippen Tovars.

Rückblickend kann man sagen, dass in der Geschichte der Colonia Tovar es die politischen Forderungen der Vormärzzeit waren, die massgeblich die Abwanderung der Hälfte der Siedler aus Tovar und somit das Ende der patriarchalischen Herrschaft Codazzis herbeiführten. Die in Tovar gebliebenen Familienväter bildeten eine Verwaltung der Sippenältesten, die zusammen mit der Landschenkung und dem daraus abgeleiteten "Koloniegesetz" über 90 Jahre hinweg zur Stabilisierung der Dorfgemeinschaft beitrug. Nach der Überführung in das Municipio Tovar und der verkehrsmässigen Erschliessung des Tales integrierte sich Tovar in die venezolanische Administration. Sie wird regional von den Parteien gewählt, wobei in Tovar den verwandtschaftlichen Beziehungen auch heute noch eine bedeutsame Rolle zukommt.