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Warum erschienen nur fünf Nummern

Warum erschienen nur fünf Nummern des "BOLETIN de la Colonia Tovar"?

Prof. Dr. Conrad Koch

Dass außer Tovar auch andere Auswanderersiedlungen in Südamerika eine Druckausrüstung zur Herstellung einer Zeitung mitgenommen hätten, ist mir von keiner bekannt. Es scheint mir auch sehr unwahrscheinlich zu sein, dass die nur auf ihre eigene Existenz und Entwicklung ausgerichteten Siedlungen ein Interesse daran haben konnten.
Deshalb erscheint uns der Gedanke von Codazzi und Benitz, noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts inmitten des Urwaldes von Venezuela eine Druckerei zu installieren, um eine eigene Zeitung für eine nur vierhundert Seelen zählende Ackerbaukolonie zu gründen, auf den ersten blick hin vielleicht ein wenig abenteuerlich.
Das war er aber keineswegs, denn bei der „Neuen Ackerbaukolonie“ sollte es sich ja nicht um eine einmalige Einreise von Auswanderern handeln, sondern Codazzi wollte für eine durch Emigranten großangelegte Besiedlung des Landes zunächst eine „Muster-Ackerbaukolonie“ aufbauen. Aufgrund des Gelingens dieser Pilotstudie, wie man es heute nennen würde, sollte danach eine namhafte Siedlungsbewegung von Europa her in die unterbevölkerten Landgebiete Venezuelas ausgelöst werden.
Seine Planung aus dem Jahre 1841 sah im Gebiet des heutigen Municipios Tovar und dessen näherer Umgebung nicht weniger als 11 Siedlungen vor, in denen 30.000 europäische Aus- wanderer angesiedelt werden sollten.
Am 11. November 1841 schrieb Codazzi in einem Bericht an den „Senor Secretario de Estado en el Despacho del Inferior y Justicia“ ; „ ...seit ich in Europa Ihre oben genannte Zuschrift erhielt, beschloss ich, eine Kolonie zu gründen, die für weitere als Vorbild dienen könnte! ... vom Wunsch geleitet, einen Weg für die Einwanderung zu öffnen, der meine Wahlheimat bevölkern und bereichern würde.“
Um diese weitgehenden Zukunftsvisionen in die Tat umsetzen zu können, benötigte man konsequenterweise bereits bei der Mustersiedlung moderne Medien, um die erwarteten Erfolge publizieren zu können. „Moderne Medien“ waren damals die gerade erst im Entstehen begriffenen lokalen Zeitungen.
Das „Boletin de la Colonia Tovar“ war übrigens nach Leopoldo Jahn, die erste im Staat Aragua erschienene Zeitung. Sie stellte aber auch insofern eine Ausnahme dar, weil sie nicht nur für Venezuela bestimmt war, sondern für die Anwerbung von weiteren großen Auswande- rungswellen auch im Ausland gelesen werden sollte. Auch aus diesem Grunde erschien das Boletin von Anfang an zweisprachig. Die langfristig geplante Existenz einer Druckerei in Tovar stellte somit ein durchaus sinnvolles Unternehmen dar. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der badische Stellvertreter Codazzis ein hervorragender Lithograph war, dem es kurz vor der Ausreise noch gelang, in Paris seinen langjährigen Mitarbeiter, den Schriftsetzer Alfred Thiberge, zur Auswanderung nach Venezuela zu bewegen.
Wenn man eine Mustersiedlung als Modell für Immigrationen im Auftrag der Regierung durchführen will, dann sollte eine eigene Druckerei die folgenden Aufgaben erfüllen:

- Vermittlung von Informationen innerhalb Venezuelas über den Ausbau in Tovar
- Anwerbung in Europa aufgrund positiver Publikationen über die Mustersiedlung
- Information der im Siedlungsgebiet weitverstreut lebenden Familien zu gewährleisten.

Mit dieser Absicht werden Codazzi und Benitz noch in Europa den Einsatz der in Tovar auf- zubauenden Druckerei geplant haben. Die fehlende „Hardware“ wurde kurz vor der Abreise in Frankreich angeschafft.
Schon wenige Monate nach der Ankunft der Siedler erschien in Tovar ein erstes Probeblatt ihrer Zeitung und genau nach vier Monaten die Nummer l des „Boletin de la Colonia Tovar“.
Wenn wir uns heute fragen, warum wurde nach dem fünften Boletin sein Erscheinen eingestellt, dann greift die Beantwortung dieser Frage tief in die Geschichte der Führung Tovars ein, sie legt aber auch dar, wie eng sie mit dem persönlichen Schicksal von Alfred Thiberge selbst verknüpft ist.
Noch vor dem relativ zügigen Aufbau der Druckerei und dem Erscheinen des zweisprachigen Boletins sind die Siedler in mancher Hinsicht enttäuscht worden. Codazzis Herrschaftsausübung in Tovar entsprach der eines patriarchalischen Amtsinhabers. Das heißt, dass er sich durchaus für das Wohlergehen seiner Untergebenen verantwortlich fühlte, es besagte aber auch, dass er festlegte, was seiner Meinung nach für die Familien falsch oder richtig wäre und erwartete, dass sich die Familienväter in ihrem Verhalten danach richteten. Seine Methoden, sich durchzusetzen, waren die eines Militärs.
Dies widersprach in drastischer Weise den politischen Vorstellungen eines großen Teils der Auswanderer. Sie waren am Vorabend der Revolution in Baden mit den Freiheitsidealen aus- gewandert, die nach den Verwandtenbriefen aus Nordamerika dort bereits erfüllt waren, und die sie auch in Venezuela erwarteten.
Andererseits ist wohl durchaus auch anzunehmen, dass in der Auswanderergruppe, die sich in einer außerordentlich kurzen Zeitspanne in Baden zusammengefunden hatte, nicht nur, wie es Codazzi von Benitz gefordert hatte, „ehrsame, fleissige Handwerker und Bauern“ zu finden waren. Der Kern der Auswanderergruppe wurde vornehmlich von der Familie Benitz in Baden ausgesucht. Sie setzte sich sicherlich in ihrer Mehrheit aus Familienvätern zusammen, die in Loyalität zu Codazzi mit Fleiß und Ausdauer für ihre Familien in Tovar eine neue Existenz erarbeiten wollten. Die wenigsten stammten allerdings aus Endingen, das Gros kam aus Ettenheim, Herbolzheim, Wasenweiler, Wyhl und anderen Gemeinden des Kaiserstuhls und des Westschwarzwalds. Viele von ihnen werden der Familie Benitz und ihren Vertrauensleuten nicht bekannt gewesen sein.
Es konnte bei einer so großen Gruppe nicht vermieden werden, dass sich unter den Auswanderungswilligen auch Personen befanden, die nicht bereit waren, langfristig Opfer auf sich zu nehmen und die Härte der bevorstehenden Aufbaujahre zu ertragen.
Dieser Teil strebte andere Ziele an. So zogen es einige Handwerker vor, in den Städten, in denen europäisch ausgebildete Facharbeiter fehlten, sich selbständig zu machen. Ein weiterer weniger qualifizierter Teil, der diese Voraussetzungen nicht hafte, vertraute darauf, in einem mehr abenteuerlichen Leben ohne Unterordnung unter Codazzi und Benitz leichter durchkommen zu können. Aber auch die zum Aufbau willigen und fähigen Gruppen schlossen sich zur Opposition gegenüber Codazzi zusammen, weil sie die Verwirklichung ihrer politischen Vorstellungen in Tovar dahinschwinden sahen.
Die Enttäuschung Codazzis, der dies spürte, begann in dem Moment, als die Siedler zwei Wochen nach ihrer Ankunft einen eigenen Gemeinderat wählten und diesen aufforderten, ihre Interessen gegenüber Codazzi zu vertreten.
Im Juni wurden ihm in La Victoria die Wünsche der Siedler unterbreitet und er erfuhr auch, dass der Gemeinderat sich zusätzlichen Rat bei Landsleuten in Caracas holen wollte. Das war in seinen Augen ein krasser Vertrauensbruch. Wütend schickte er den Bürgermeister samt seinen Gemeinderäten nach Tovar zurück. Erbost schrieb Codazzi daraufhin im Juni an Benitz: „ ... Die, die ein gutes Beispiel abzugeben hätten, verlangen nach Caracas zu spazieren, währenddessen ich als Diener dieser Herren ihre Familien zu unterhalten habe. ... Ich schäme mich, solche Menschen in das Land gebracht zu haben, Demoralisierte und Trunkenbolde ... Menschen ohne Prinzipien, Erziehung, Arbeitswillen ... ohne jegliches Gefühl der Dankbarkeit. ...“
Als weitere Reaktionen des Coronels erfolgten die Auflösung des Gemeinderates und die Bewachung der nach außen führenden Wege durch Militär. Ohne seine Genehmigung konnte nun kein Siedler mehr die Kolonie verlassen.Wie sehr man Codazzi, als hervorragenden Geographen und ideenreichen Autor einer um- fangreichen Einwanderungsplanung, die bis zu einer halben Million Menschen nach Venezuela bringen wollte, Respekt zollen muss, so kritisch müssen aber auch seine Fähigkeiten zur realen Durchführung des Pilotprojekts seiner Mustersiedlung beurteilt werden. Sicherlich fehlte es ihm an Geduld und wohl auch an Verständnis für das Verhalten der Siedler, wenn man die von ihm sehr schnell verhängten drastischen Maßnahmen seiner Kolonieführung betrachtet. Codazzi empfand zu dieser Zeit seine Position noch als Oberhaupt einer Großfamilie, für die er entschied, was für ihre Mitglieder zu gelten hatte. Die Ledigen sollten seiner Meinung nach entweder in Tovar heiraten, oder ihren Familien helfen, ihre Schulden zu bezahlen. Da zu dieser Zeit die vom Kongress empfangenen 60.000 Goldpesos fast aufgebraucht waren, bemühte sich gerade jetzt der Oberst sehr darum, für seine Mustersiedlung von der venezolanischen Regierung eine Aufstockung des Kredites zu erhalten. Das setzte natürlich voraus, dass in Tovar der Aufbau ungestört voranging und nach außen keine Unzufriedenheit oder undisziplinierte Handlungen der Einwanderer bekannt wurden. Wie aus den Briefen der Gründungszeit hervorgeht, missfiel Codazzi deshalb auch besonders der Alkoholkonsum der offenbar wenig abstinenten Siedler. Eines seiner ersten Dekrete, die öffentlich ausgehängt wurden, lautete:

VERORDNUNG

Es wurde festgestellt, dass ein Teil der Kolonisten die Feiertage nicht für harmlose Vergnügungen und zum Beten benutzen, sondern den Genuss starker alkoholischer Getränke bis zum Unzurechnungsfähigkeit übertreiben.
Sie verursachten Schlägereien, Verdruss, Skandale und Ruhestörungen. Da ich von Gesetzes wegen über Brauchtum, Ordnung und Recht zu wachen verpflichtet bin, habe ich folgende Anordnungen erlassen:

1. Wer betrunken in der Öffentlichkeit angetroffen wird, zahlt zur Strafe:
Beim ersten Mal einen Peso.
Beim zweiten Mal 2 Pesos.
Beim dritten Mal 4 Pesos und erhält zusätzlich 24 Std. Arrest

2. Jede Person, die auf den Straßen oder öffentlichen Plätzen betrunken in Schlägereien verwickelt angetroffen wird, wird für 24 Stunden in das Gefängnis überführt, inhaftiert und erhält eine Geldstrafe von 2 Pesos.

Veröffentlichung durch Aushängen an öffentlichen Plätzen


Colonia Tovar 10. September 1843 (Agostin Codazzi)

Im Laufe des Jahres 1843 nahm die Enttäuschung Codazzis über seine Siedler in gleichem Maße zu wie auch die der Kolonisten gegenüber dem Oberst und Benitz. Einer Gruppe von etwa 5 Siedlern gelang es, im Februar 1844 heimlich nach Caracas zu reisen und mit dort wohnenden Deutschen Verbindung aufzunehmen. Als sie zurückkehrten, wurden sie auf Befehl Codazzis als Revolutionäre festgenommen und in das Gefängnis von La Victoria überführt. Danach kam es in Tovar zu Versammlungen von Siedlern, die in offener Opposition zu Codazzi und Benitz standen. Als Benitz am 11. Februar nächtlicherweise einige Oppositionsführer verhaften wollte, kam es zu Tumulten, auf denen auch geschossen wurde. Anschließend fand unter der Leitung des Friedensrichter Codazzi eine viertägige Gerichtsverhandlung in Tovar statt, auf der die Aussagen aller Siedler protokolliert wurden.
Im März 1844 gelang einer Gruppe von etwa 50 Personen die Flucht aus Tovar. Als in der Folgezeit Codazzi den Siedlern, die ihre Schulden bei ihm bezahlt hatten, die Erlaubnis zum Verlassen Tovars gab, reduzierte sich die Bevölkerung um mehr als die Hälfte. Sie erreichte 1845 aufgrund der genehmigten und der heimlichen Abwanderung ihren Tiefststand von 174 Personen.
Zu dieser Zeit musste Codazzi wohl eingesehen haben, dass sein Musterprojekt nicht die erwartete Entwicklung genommen hatte und es nicht mehr zu erwarten war, dass der Kongress die von ihm für Venezuela vorgeschlagenen Immigrationsprojekte fortführen würde. Selbst für eine weitere, von der Regierung unterstützte Anwerbung in dem begrenzten Gebiet Tovars bestand keine Aussicht mehr. Codazzi zog sich deshalb definitiv von Tovar zurück. Zwar kassierte er am 28. November 1845 noch die letzte Rate in der Höhe von 10.000 Goldpesos der vom Kongress inzwischen genehmigten Krediterweiterung, aber bereits im Dezember reiste er in den Staat Barinas. Dort übernahm er im Januar den Posten des Gouverneurs.
Als einzige weitere Verbindung Codazzis zu Tovar ist mir nur noch ein kurzer Briefwechsel zwischen Codazzi und Benitz bekannt. Codazzi hatte mit Benitz vereinbart, dass er von seinen Ländereien in Tovar 50% des Ertrages erhalten sollte, und fragte in einem Brief bei Benitz über den Verbleib des Geldes nach. Dieser erwiderte nur kurz, dass es in der Colonia durch Unwetter schwere Schäden gegeben hätte, und u.a. auch die Sägemühle außer Funktion sei. Er könne Codazzi nichts schicken, „denn Sie haben mich hier ohne Geld zurückgelassen.“
Es fällt auf, dass in der Verbindung von Benitz zu Codazzi ein schwerwiegender Wandel eingetreten war, der diesmal zur Distanzierung von Codazzi führte. In den Anfangsjahren hatte Codazzi den jungen Benitz sehr stark beeindruckt und ihn auch beeinflussen können. Von ihm, dem weitgereisten Geographen, Freiheitskämpfer und angesehenem Berater südamerikanischer Staatspräsidenten ging sowohl als Wissenschafter als auch von seiner dynamischen Persönlichkeit, die sich großen Aufgaben widmete, eine packende Faszination aus. Diese Ausstrahlung Codazzis und seine Suggestionskraft bewirkten, dass Benitz der aus einer Familie stammte, die zur Politik des Großherzogtums in aktiver Opposition stand und der nicht zuletzt deshalb seinen Wohnsitz nach Paris verlegte, wo er auch dem „Deutschrepublikanischem Verein“ beitrat, sich nun erstaunlicherweise Codazzis patriarchalischen Führungsstil völlig unterordnete.
In dieser Phase waren alle seine Aktivitäten ausschließlich auf die Erfüllung der von Codazzi angestrebten Ziele in der von ihm angeordneten Weise ausgerichtet.
Alexander Benitz leistete in den Gründungsjahren weit mehr als man von einem jungen gesunden Mann erwarten konnte, sein Arbeitspensum hätte durchaus für zwei Personen ausgereicht. Er verteilte Lebensmittel, Saatgut und Werkzeuge, worüber er zur Schuldenermittlung genau Buch führen musste. Er teilte den Familien je nach Grösse ein ihnen zustehendes Stück Land zu, das er persönlich vermessen und kartographieren musste. Er leitete den Wegebau innerhalb der Siedlung, war verantwortlich für den Aufbau eines wassergetriebenen Sägewerkes, schrieb die Berichte für die venezolanische Administration, musste allen unzufriedenen Siedlerfamilien Gehör schenken und auch so manchen Streitfall schlichten.
Jetzt, ganz auf sich allein gestellt, kam für Benitz die Zeit seiner Bewährung. Er, der hoch- qualifizierte Lithograph und Geometer, hätte ohne Mühe in Caracas seiner Profession nach- gehen können und es zu Wohlstand bringen können. Es kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden, dass in dieser Situation seine Verpflichtung und Verantwortung gegenüber den von ihm und seiner Familie angeworbenen Auswanderern seinen weiteren Weg bestimmte.
Die Krönung seiner Bemühungen war der mehrfach mit entsprechenden Begründungen von ihm erbetene Schuldenerlass für seine Siedler und nicht zuletzt die großherzige Schenkung des Tuytales im Jahre 1852 an die Dorfgemeinschaft von Tovar durch den späteren Staatspräsidenten Manuel Felipe de Tovar. An den "Schenkungsbedingungen" dieser in der Auswanderergeschichte Südamerikas wohl einmaligen Donation hatte Alexander als Vertreter seiner Siedler mitarbeiten dürfen.
Zu dem Zeitpunkt nach der Landschenkung hätte in Europa durch Publikation der einmalig günstigen Ansiedlungsbedingungen im Tuytal eine reale Chance bestanden, den Codazziplan von der Ansiedlung von Tausenden Immigranten in dem Gebiet Tovars wenigstens in ganz bescheidenen Größenordnungen doch noch zu realisieren. Aber da waren schon sieben Jahre seit dem Erscheinen des letzten Boletins vergangen. Jedoch waren vielleicht nicht nur die dazwischen liegenden Jahre entscheidend dafür, die Druckerei nicht wieder in Betrieb zu nehmen, sondern es werden auch sehr persönliche, ebenfalls lange zurückliegende Gründe, bei Benitz und Thiberge hierfür eine bedeutsame Rolle gespielt haben.
In den ersten Aufbaujahren war Alexander Benitz sicher nicht viel Zeit geblieben, um sich auch noch um den Druck der kolonieeigenen Zeitung, des „Boletin de la Colonia Tovar“ kümmern zu können, das sein langjähriger früherer Mitarbeiter Alfred Thiberge unter Mithilfe der jüngsten Schwester Alexanders herausbrachte. Dieses Druckerteam arbeitete sehr fleißig, denn schon nach der frühzeitig erschienenen Probenummer am 18. Juli 1843 kam bald darauf am 8. August des gleichen Jahres das erste Exemplar des „Boletin de la Colonia Tovar“ mit immerhin acht Seiten zur Verteilung. Bereits einen Monat später wurde die zweite Nummer des Boletins auch mit acht Seiten fertig. Am 25. Oktober erschien das Boletin No 3 mit vier Seiten und am 8. Dezember des gleichen Jahres das Boletin No 4 wieder mit acht Seiten. Als letzte und umfangreichste Ausgabe des von Alfred Thiberge hergestellten „Boletins de la Colonia Tovar“ wurde die No 5 mit 14 Seiten am l. Januar 1845 verteilt.
Alfred Thiberge war nicht nur ein langjähriger Mitarbeiter von Benitz in Paris gewesen, sondern innerhalb der Siedlergruppe hatte er an dessen Seite auch eine gewisse Vertrauensstellung eingenommen. Er durfte in Abwesenheit von Benitz in dessen Vertretung z.B. auch Reisegenehmigungen unterschreiben und mit dem Koloniestempel versehen. Sein Hauptarbeits- gebiet war natürlich die Druckerei, die er mit der jüngsten Schwester von Alexander aufgebaut hatte. Mitten in einem Urwaldtal der südamerikanischen Küstenkordillere arbeiteten täglich miteinander zwei junge Menschen, die von ihren Freundes- und Bekanntenkreis in der Heimat Abschied genommen hatten, an einer gemeinsamen Aufgabe. Carolina war 19 Jahre alt, als sie mit ihren Geschwistern in Tovar eintraf und Alfred Thiberge 25 Jahre. Es ist wohl sehr verständlich, dass zwischen diesen beiden eine gegenseitige Zuneigung heranwuchs, die sich im Verlauf der Jahre zu einer echten Liebe entwickelte, die bis zum Tod andauerte.
Als erstes und leider auch einzigstes Zeugnis ist nur ein Brief erhalten geblieben, den Alfred Thiberge in französischer Sprache am 19.12.1843 an Alexander richtete:

„Mein lieber Herr Benitz,

vermutlich erstaunt sie, dass ich Ihnen den Inhalt dieses Briefes nicht mündlich mitgeteilt habe. Aber wenn Sie ihn lesen, werden Sie verstehen, warum ich für mein Gesuch diesen Weg gewählt habe.
Seit neun Jahren kennen Sie mich unter allen Umständen, die mich Ihnen näher gebracht haben. Sie haben meine Art geschätzt, Sie haben mich jung, kopflos und sogar ausschweifend gekannt.
Aber Dank Ihrer Ratschläge und wegen Herrn Schwärzle konnte ich, wie ich glaube, den Weg gehen, den jeder Ehrenmann befolgen muss, den Weg, von dem ich Gott sei Dank nie abgekommen bin. Sie kennen auch meinen Vater und meine Mutter, die wenn auch nicht begütert, wenigstens ehrenhaft und ohne Fehl in Treue und Aufrichtigkeit leben.
Alle diese Umstände ermutigen mich, Ihnen meine Gefühle mitzuteilen.
Was, glauben Sie, empfindet ein junger Mann, der unablässig neben einem jungen Mädchen lebt, das er den ganzen Tag sieht und mit dem er durch seine Stellung gezwungen ist, oft zu sprechen?
Sie werden mir bestimmt antworten: das sei Leidenschaft.
Aber ich werde Ihnen sagen: Wenn dieses Mädchen brav, tugendhaft und voller Anmut ist, dann kann es nicht Leidenschaft sein, was dieser junge Mann empfindet. Es sind reine Gefühle, sie sind so rein wie Diejenige, welche sie in ihm auslöst und durch die ihm das Glück hold sein wird, wenn er sich vorstellt, dass dieses junge Mädchen seine Frau wird.
Nun dieser junge Mann, das hin ich. Das junge Mädchen ist Fräulein Carolina und die Bitte, die ich an Sie richte, ist die Bitte um die Hand Ihrer Schwester.
Ich zittere beim Schreiben dieser Zeilen, denn vielleicht finden Sie meine Bitte verwegen. Dann Adieu Zukunft, die ich mir ausmalte. Adieu meine schönen Träume, Adieu mein Glück. Ich fühlte mich verpflichtet, Ihrem Fräulein Schwester meine Gefühle anzuvertrauen, bevor ich Ihnen schrieb. Ihre Antwort war. ich solle mit Ihnen sprechen, denn sie gebe nie ihre Zustimmung ohne Ihr Einverständnis.
Sie sehen nun, dass mein Glück von Ihnen abhängt, und Sie verstehen sicher, wenn ich Sie bitte, mir baldmöglichst Ihre Antwort zu geben, denn von Ihrer Antwort hängt meine Zukunft ab.

Ganz der Ihre

A. Thiberge“



Leider wissen wir nicht, ob Alexander seine Antwort durch einen Brief Alfred Thiberge übergab, oder ob er sie ihm mündlich mitteilte. In jedem Falle aber muss sie negativ gewesen sein, denn neun Jahre später in der Volkszählung vom 31.10.1852 sind Carolina Benitz und Alfred Thiberge noch als Ledige, wohnhaft in Tovar aufgeführt. Dafür kann es nur eine Erklärung geben, dass Alexander mit einer Heirat nicht einverstanden war und Carolina nur mit seiner Zustimmung Alfred Thiberge ihr Jawort geben wollte.
Wahrscheinlich konnte Benitz mit seiner Ablehnung einer ehelichen Verbindung zwischen Carolina und Alfred Thiberge nicht verhindern, dass die beiden weiter in der Druckerei zusammenarbeiteten und stellte auch aus diesem Grunde vorerst einmal deren Betrieb ein. Es sind im Jahr 1843 vier Nummern der kolonieeigenen Zeitung erschienen, hiervon die vierte im Dezember, also etwa zu gleicher Zeit wie der Brief von Thiberge. Das fünfte und letzte Boletin de la Colonia Tovar war mit 14 Seiten das umfangreichste. Es wurde erst ein Jahr später gedruckt und kam am 1.1.1845 heraus.
Erstaunlich ist, dass es trotz der Ablehnung der Heirat nicht zu einem Bruch zwischen Alex- ander und Alfred Thiberge kam, denn aus den Dokumenten der Jahre von 1846 bis 1852 ist ersichtlich, dass Alfred weiterhin in vertrauensvoller Weise mit Benitz zusammenarbeitete. Allerdings wurden in dieser Zeit die Namen von Carolina und Thiberge in keinem der Briefe mehr gemeinsam erwähnt. Der Name von Carolina tauchte erst wieder in einem Brief von ihrem Vetter Hausperger aus St. Louis auf, wohin er kurz vorher aus Baden ausgewandert war. Am 31. Januar 1854 schrieb er:

„Meine lieben, Theuersten Vettern und Bäschen.

So freudig es uns ist, wiedereinmal etwas von Ihnen zu hören, so Traurig ist es für uns aus Ihrem Werthen Schreiben leider zu vernehmen, dass die liebe gute Carolin Jenseits in ein Besseres hinübergegangen ist, Sie versichernd, dass wir gewiss an Ihrem unvergesslichen großen Verlust Antheil nehmen. ...“

Kurz danach traf in La Victoria am 6. April 1854 aus St. Louis ein weiterer Kondolenzbrief von Schwester Therese ein:

„Liebe theure Geschwister!

Es ist mir unmöglich Euch zu sagen welchen tiefen schmerzlichen Eindruck die Nachricht von dem Tode unserer geliebten Schwester Karolina auf mich und auf uns alle gemacht hat. Die Arme, kaum hatte sie Ihr Ziel erreicht und lebte erst so kurze Zeit gewiss in glücklicher Ehe so musste sie schon scheiden von dieser Erde. Schmerzlich für Euch diese gute Schwester verfahren zu haben, mit der ihr so viele Jahre so friedlich verlebten. Aber doppelt schmerzlich für mich.
weil ich Sie so lange nicht mehr gesehen u. ich immer hoffte. Euch alle mit Ihr noch einmal zu sehen. ..."

Aus dem Brief von Theres entnehmen wir, das Carolina als verheiratete Frau unerwartet gestorben ist. Es liegt nahe, dass ihr Ehemann Alfred Thiberge war, denn ihre Schwester erwähnt die dramatische Liebesgeschichte mit den Worten „ ...kaum hatte sie Ihr Ziel erreicht... „
Eine Bestätigung dieser Annahme erhalten wir bei der Durchsicht eines Briefes von Alexander, der diesen am 2.9.1855 an seinen Bruder Carl in Caracas richtete, und in dem beide Namen Carolina und Alfred miteinander erwähnt:
„Alfred hat ziemlich Schulden hinterlassen und um seine Geschäfte in Ordnung zu bringen habe ich viel zu thun gehabt...
...die Kisten von Alfred kann er (Simon) auch nicht mitnehmen, was mir leid thut. In dem kleinen Kästchen sind vier Uhren und Schmuck von Carolina und Alfred inliegend. ...“ *)
Aus diesem Briefwechsel der Brüder Benitz geht eindeutig hervor, das Alfred Thiberge der Ehemann von Carolina gewesen ist. Aber leider müssen wir der Formulierung: „Alfred hat ziemlich viel Schulden hinterlassen ...“ entnehmen, dass auch er kurz nach dem Tod seiner Frau verstorben ist.
Tatsächlich findet sich der Beweis hierüber in einem Brief aus dem Jahre 1858, den der älteste Bruder von Alfred aus Le Havre wegen Erbschaftsreglungen an Benitz richtete und in dem er "...von dem Erbe meines armen Bruders ..." spricht.
Wir wissen nicht, welche näheren Umstände zum Tod dieser beiden Menschen geführt haben. Bei Carolina könnte es mit einer Erkrankung im Kindbett zusammenhängen. Bei Alfred wäre aber vielleicht auch ein psychischer und physischer Zusammenbruch des verzweifelten Witwers denkbar, dessen Leben und dessen kurzes Glück mit Carolina seinen Inhalt und sein frühes Ende fand.

Der Übersicht wegen möchte ich die wichtigsten Daten chronologisch zusammenfassen:

- 8.12.1843, es wird die Nummer 4 des " Boletin de !a Colonia Tovar" gedruckt.
- 19.12.1843 Alfred Thiberge hält um die Hand der Schwester von Benitz an.
- 30.10.1852 Volkszählung in Tovar, Carolina und Alfred als Ledige aufgeführt.
- Herbst 1852 oder Frühjahr 53: Heirat von Alfred und Carolina
- 31. 1.1854 Erster Kondolenzbrief zum Tod von Carolina von Vetter Hausperger.
- Im Jahr 1854 oder 55 ist mit 35 bzw. 36 Jahren Alfred Thiberge verstorben.
- 2. 9.1855 Alexander Benitz berichtet von der Hinterlassenschaft Alfred Thiberges.

*) Alle Zitate dieses Berichts stammen aus Originalbriefen des „Historischen Archivs der Colonia Tovar, Kollektion Conrad Koch“ der „Stiftung Colonia Tovar“.