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Petroglyphen

Peter Leitner aus der Colonia Tovar, genannt „Schlangen Peter“

Als Codazzi auf seiner Suche nach einem geeigneten Siedlungsplatz für die zukünftigen Immigranten aus dem Schwarzwald im Quellgebiet des Tuyflusses mitten im Urwald auf Reste eines befestigten Weges stieß, dachte er allen ernstes, die Ureinwohner Venezuelas hätten denselben vor Jahrhunderten auf ihren Streifzügen benutzt, um vom Araguatal über die Küstenkordillere in das Mayatal und ans Meer zu kommen. Obwohl so etwas gut möglich war, kann man leider nur darüber spekulieren, da dieses Stück Weg bis heute nicht wieder gefunden wurde, um es archäologisch zu untersuchen und etwaige Zweifel auszuräumen. Deswegen kann man zur Zeit nur spekulieren ob das, was Codazzi in seinem Bericht beschreibt, ein Weg war, der vor Jahrhunderten von Menschen benutzt wurde, oder vielleicht nur ein Wildwechsel von Tapiren, Wildschweinen, Rehen, oder nur eine Veränderung des Urwaldbodens, entstanden durch Witterungseinflüsse wie Erdrutsche oder Waldbrände.
Ich für meinen Teil habe meine Zweifel an der Festlegung Codazzis über Benutzung dieses Weges in präkolumbianischen Zeiten, falls es denn ein Weg war - durch Indianer. Um diese Zweifel zu begründen, möchte ich folgende Argumente in Betracht ziehen:
Die verschiedenen Gruppen der Ureinwohner, welche vor Jahrhunderten in der Gegend des heutigen Municipio Tovar lebten, waren hauptsächlich Jäger und Sammler mit einer nur rudimentären Landwirtschaft. Außer ihren Steinäxten und Grabstöcken hatten sie keinerlei Gerät, um Wege zu befestigen. Man verfolgte das Wild, Tapire, Baquiros, Wildschweine, Rehe und vielleicht den ein oder anderen Tigre - Jaguar - oder Puma auf ihren Fährten, die dann mit der Zeit zu Trampelpfaden wurden. Die Indianer hatten wenig Grund, gute Pfade in den Busch zu schlagen. Sie bewegten sich leichtfüßig zwischen den Bäumen und an den Ufern von Wasserläufen fort, immer die Konturen der jeweiligen Gegend ausnützend, ohne sie groß zu verändern. Ich weiß das, da ich mich lange genug unter den Indios des oberen Orinokos sowie denen der Sierra Periya, ein Gebirge an der Grenze nach Kolumbien, herumgetrieben habe.
Hier im Municipio Tovar lebten, wie man heute weiß, drei verschiedene Gruppen von Ureinwohnern. In Richtung El Jarillo siedelte der Stamm der Teques, hinunter nach Pie del Cerro und La Victoria die Quiriquires, beide etwas kriegerische Gruppen, welche den spanischen Eroberern einige Schwierigkeiten bereiteten. Zur Meeresseite hin in Richtung Puerto Cruz und Puerto Maya siedelten die Panariguas, ein Stamm, der der Familie Arahnacos zuzurechnen ist. Ob die Infrastruktur dieser Gruppen befestigte Wege einschließt, bleibt dahingestellt. Da ich jedoch auf meinen Streifzügen durch den Urwald seit Jahren nur äußerst rudimentäre Spuren ihrer Siedlungstätigkeit finde, möchte ich es bezweifeln. Ich jedenfalls habe bis heute noch keinerlei Reste irgendwelcher indianischen Wege gesehen.
Was ich allerdings sehr oft entdecke sind Felsbilder, so genannte Petroglyphen, welche vor Jahrhunderten oder noch früher in die Oberflächen der großen Steine eingezeichnet wurden und Zeugnis über die kulturelle Tätigkeit der amerikanischen Ureinwohner ablegen. Leider ist die Suche nach solchen Petoglyphen etwas schwierig und nicht immer ganz ungefährlich. Aber die Belohnung, ein seit Ewigkeiten unter Lianen, Moos und Laub verstecktes Felsbild wieder ans Tageslicht zu bringen ist es wert, alle dabei erlittenen Strapazen vergessen zu lassen.
Um solche Bilder zu finden, muss man auf und zwischen den im Urwald erstreckten Felsen herumkriechen, welche in den meisten Fällen von einer dichten Vegetation bedeckt sind und die man erst mühsam mit der Machete freimachen muss. Dabei kommt man des Öfteren mit einer unfreundlichen Flora und Fauna in Berührung, welche zwischen eben diesen Steinen lebt und wächst.
Am gefährlichsten sind natürlich die großen Giftschlangen wie die Lanzenottern, deren Biss sehr oft tödlich verläuft. Es sind dies Schlangen der Bothrops-Familie, wie z.B. Atrox, Venezuelensis, Columbiae, Bchlöegeli. Die verschiedenen Arten von Korallenottern aus der Familie Micrurus, Vettern der afrikanischen und asiatischen Kobras, sind äußerst letal. Auf der Seite des Araguatales kommen außerdem noch viele Klapperschlangen wie Crotalus Durissus, Crotalus Horribilis und Crotalus Monaguensis vor, deren Biss unter anderem schwere Nekrösen verursacht.
Diese Tiere sind äußerst aggressiv und angriffslustig, außerdem sind sie überaus schnell. Meistens komme ich bei so einem Zusammenstoß mit dem bloßen Schrecken davon, obwohl ich mir von meinen sechs Giftschlangenbissen fünf bei der Petroglyphensuche eingefangen habe. Zum Glück waren es kleinere Exemplare der großen Arten. Die Bisse der zahlreichen, ungiftigen Nattern und Boas habe ich aufgehört zu zählen, genauso wie die mehr als zwei Dutzend Skorpionstiche.
Dazu kommen noch ganz große Tausendfüßler - Skolopendras, sie sollten nach Meinung der Bevölkerung sehr giftig sein, was ich glücklicherweise bis jetzt noch nicht erfahren musste. Einige haarige Raupen vermitteln bei der leichtesten Berührung das Gefühl, als wäre man in ein Feuer gefallen, besonders eine, die man „Gusano de pollo“ - Hühnerraupe - nennt. Einige Arten von Ameisen haben außer ihren formidablen Beißzangen am anderen Ende noch einen Giftstachel, der sich äußerst schmerzhaft bemerkbar machen kann. Man nennt sie „Tari-Tare“. Andere wieder sind so klein, dass man sie kaum sieht, was sie allerdings durch ihre gemeinen Bisse ausgleichen. Die großen Vogelspinnen erschrecken gehörig, sind aber im Ganzen meist harmlos.
Zu guter Letzt tummeln sich in der Gegend noch Abermillionen von Zecken in der Größe eines Stecknadelkopfes bis hin zu einer Erbse - wenn sie voll gesaugt sind. Krankheitshalber sind sie soweit nicht gefährlich, dafür aber umso lästiger, weil sie meistens dort zubeißen, wo man nicht gebissen werden sollte. Im Busch und in Grassavannen hängen sie zu Tausenden im Gestrüpp, um sich bei Annäherung eines Warmblütlers, zum Beispiel eines Petroglyphensuchers, auf ihn fallen zu lassen und sich genussvoll zu verbeißen. Aber die wahren Herren des Urwalds sind die Moskitos. Sie fordern besonders in der Regenzeit ihren Tribut in Form von Blutstropfen, wobei sie in manchen Fällen als Gegenleistung Krankheiten verbreiten wie das Dengue-Fieber, übertragen von Moskitos „Patas blancas“- Aedes egisto. Leider machte ich zweimal die schmerzhafte Erfahrung mit dem Dengue-Fieber, das auf gut deutsch „Knochenbrecherfieber“ heißt. Von den „Angoletas“-Schnaken, die Leislomaniasis - Orientbeule - übertragen, wurde ich bis jetzt verschont, nicht so drei meiner Helfer die nicht so glücklich waren, obwohl sie seit langem schon geheilt sind. Obwohl man sich mit allerlei Hilfsmitteln gegen diese Tiere zu wehren sucht - gutes Schuhwerk und Kleidung sowie Insektenspray und Moskitonetz - kommt es oft genug vor, dass man gebissen oder gestochen werden kann und wird.
Unter der Pflanzenwelt ist es weniger schlimm, obwohl es dort auch Exemplare gibt, die einem einen Streifzug durch den Urwald verleiden können. Da sind einmal verschiedene Arten von Brennnesseln, von denen einige wie Picaton ortiga, Picaton guaritoto, Picaton sanita rita die Form von Bäumen annehmen und bis zu acht Metern hoch werden. Je näher man ans Meer kommt, umso mehr Stacheln wachsen an jedem Baum und Strauch. Die ganze Flora ist zur Verteidigung bereit. Am Strand und auch in höheren Lagen kann man den „Manzanillo“ antreffen. Hippomane mancinella, der in seiner Ganzheit seinem deutschen Namen - Giftapfelbaum - alle Ehre macht. Von der Frucht über den Saft des Baumes bis hin zum Rauch des verbrannten Holzes ist alles toxisch.
Falls man jedoch all diese unfreundlichen Repräsentanten der Flora und Fauna überwunden hat, kann man auf manchen Felsen eigenartige Zeichnungen aus einer ganz anderen Zeit und Kultur entdecken, welche von den Ureinwohnern in mühevoller Arbeit in den Stein gegraben wurden.
Manchmal sind es nur einfache punktförmige Vertiefungen verschiedener Größe, die in einigen Fällen durch ein Netz von Linien, die an Kanäle erinnern, verbundene Punkte findet man am häufigsten - bis jetzt habe ich mehr als 30.000 - und man kann sie im ganzen Tovarbezirk sehen. Nach Berichten der Konkistadoren und einiger Anthropologen wurden sie mit Blut gefüllt, um das Glück bei der täglichen Nahrungssuche zu verbessern. Die Männer schnitten sich in den Unterarm - damit sie besser mit Pfeil und Bogen zielen können - der Schnitt in den Oberarm der Frauen diente zur Optimierung bei der Suche nach Knollen und Früchten sowie Kleintieren im Urwald.

Andere Figuren erinnern an Eidechsen - Hombre lagarto - sowie Tierfiguren, welche meiner Meinung nach wahrscheinlich große Raubkatzen wie Jaguar, Ozelot, Puma darstellen, kann man in der ganzen Municipio finden, sowohl auf der Meerseite als auch auf der Seite des Araguatales. Meist sind auf den Felsbildern einfache Strichmännchen abgebildet, in der Mehrzahl maskulinen Charakters, was man an einer Art Strichpenis oder an zwei kleinen Punkten sehen kann, die wohl Testikel darstellen sollen.
Aber es befinden sich auch weibliche Figuren, gekennzeichnet wiederum mit einem Dreieck oder einem Zeichen, das an ein Ypsilon erinnert und manchmal eine Länge von mehreren Metern haben kann.

Gesichter kann man sehr oft auf den Felszeichnungen sehen, und zwar in den verschiedenen Ausführungen, angefangen von drei einfachen Punkten, zwei Augen und einem Mund, bis hin zu komplizierten, mit allerhand Verzierungen versehenen Bildern, die meiner Ansicht nach wahrscheinlich eine Art von Zeremonienmasken darstellen sollen. Beim Anblick dieser Gesichter erstaunt mich immer wieder die Tatsache, mit welch einfachen Mitteln und Werkzeugen die damaligen Indianer imstande waren, eine derartige Vielfalt von Ausdrücken in diesem Fels zu hinterlassen.

Bei diesen Gesichtern kann man Unterschiede in der Ausdrucksweise erkennen und sie den verschiedenen Gruppen zuordnen, welche vor langer Zeit mehr oder weniger isoliert in den Flusstälern des heutigen Tovarbezirks lebten. Auffallend im Paraulatatal ist der Umstand, dass man Petroglyphen findet, welche eine große Ähnlichkeit mit stilisierten Fröschen haben, was mit der Mythologie der Panariguagruppen zu tun hat.
Dem Gott des Wassers wurde unter den Indios große Verehrung dargebracht. Er hatte die Form eines Frosches, und ebensolche Tiere wurden liebevoll in einem großen Tongefäß als Haustier in den Hütten gehalten. Blieb einmal für längere Zeit der Regen aus, so bestrafte man das Tierchen mit leichten Schlägen, ohne es allerdings zu töten und beschimpfte es ausgiebig. Meiner Meinung nach haben obige Petroglyphen große Ähnlichkeit mit dem damaligen Gott des Wassers der Panarigua von Costa Paraulata.
Auffallend in diesem Flusstal ist die große Anzahl von Gesichtern, die unter den Augen Linien eingegraben haben, welche große Ähnlichkeit mit Tränen haben. Sie fehlen fast völlig im Tal des Mayaflusses und auf der Seite des Araguatales.

Meiner Ansicht nach müsste damals im Paraulatatal etwas vorgefallen sein, was den Indios als Inspiration diente, viele Gesichter mit Tränen in den Augen zu zeigen. Vielleicht war es eine Krankheit unter den Einwohnern, die großes Leid verursachte oder der Überfall einer anderen Gruppe. Man bedenke, dass die Kariben mit ihren großen und schnellen Einbäumen - Curiaras - aus der Gegend des unteren Orinokos durch dessen Delta bis an die Küste von Puerto Cruz und Puerto Maya gelangten und regelrechte Raubzüge zu Beginn der Trockenzeit veranstalteten. Dabei töteten sie die Männer, um sie zu verspeisen - Kariba = Kaniba = Kannibale - Frauen und Mädchen wurden verschleppt, währenddessen alle Knaben kastriert wurden, um sie für zukünftige Festgelage zu mästen. Außerdem nahmen sie alle Vorräte mit. Da es leider fast keine ethnologische Informationen über diese Leute gibt, muss sich unsereiner seine eigenen Schlussfolgerungen erstellen, ohne allzu sehr ins Utopische oder Exotische abzuschweifen.

An den Ufern der Flüsse Maya und Cepe, die ziemlich weit auseinander liegen, fand ich Felsen mit Gesichtern, denen scheinbar Speichel aus den Mündern tropft. Einige haben große erweiterte Augen mit konzentrischen Ringen umrahmt, ganz so als wären sie unter dem Einfluss von Yopo, einer Rauschdroge, die in die Nase geblasen unter den Yamamami am oberen Orinoko weit verbreitet ist. Nun könnte man argumentieren, dass die beiden Gruppen mehr als tausend Kilometer entfernt sind, aber dazu möchte ich folgendes entgegnen: Yopo wird aus der Rinde eines Baumes - Piptadenia peregrina - Pilgerbaum hergestellt. Man kratzt das weiche Innere heraus, röstet und zerreibt es zwischen zwei Steinen. Dieses Pulver wird mittels eines kurzen Rohres von einem Indio einem Anderen in die Nase geblasen. Sofort tritt unter anderem starker Speichelfluss sowie ein glasiger Blick ein, genau das, was man auf einigen Felszeichnungen im Cepe und Mayatal sehen kann. Der Pilgerbaum wächst auch in dieser Gegend, ich sehe ihn des Öfteren.

Aber es gibt noch ein weiteres Indiz für meine These. Anfang der 70er Jahre trieb ich mich des Öfteren im Bundesstaat Amazonas unter den Piaros Indianern herum, welche an den rechten Nebenflüssen des Orinoko, am Parguza und am Cataniapo siedelten. Mir gelang es mit der Zeit, ihr Misstrauen gegenüber anderen Menschen etwas abzubauen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Der Piaroastamm ist im ganzen Amazonasgebiet berühmt für die Herstellung des besten Curare - ein Pfeilgift - und des stärksten Yopos. Beide Produkte sind flussauf und flussab als Tauschware begehrt.
Eines Tages zeigte mir einer der ältesten Schamane am Ufer des Parguaza eine Felszeichnung, welche die Form eines Schmetterlings hatte.

Das war wie gesagt am Anfang der 70er Jahre. Zwanzig Jahre später fand ich zu meiner Überraschung in der Nähe von Tovar, in Brasén, ein Tal, das heute von den Nachkommen der Grafen Tovar als Kaffeehacienda bewirtschaftet wird, eine verblüffend ähnliche Felszeichnung eines Schmetterlings, genau wie damals am Parguazarfluss - die selbe Figur über hunderte von Kilometern hinweg. Ob es reiner Zufall ist oder beide Bilder dieselbe Bedeutung haben, weiß ich nicht. In Brasen kann man nichts erfahren, seit 200 Jahren gibt es dort keine Indianer mehr. Aber es ist zu vermuten, dass den Panariguas sowie den Quiriquires die Wirkung des Yopabaums, der heute noch in der Gegend vorkommt, bekannt gewesen sein dürfte.
Zu guter Letzt sind auf einigen wenigen Felsen Gesichter zu sehen, die ganz anders sind als der Rest der Petroglyphen. Sie sind ziemlich symmetrisch und weisen zahlreiche Verzierungen auf, welche man als Tätowierungen oder Gesichtsmalereien interpretieren kann. Meiner Meinung sind diese Zeichnungen eine Repräsentation von irgendwelchen Zeremonialmasken, die vielleicht von einer indianischen Elite benutzt wurden und wahrscheinlich eine höhere Kaste von Kriegern, Medizinmännern und Häuptlingen repräsentieren. Ich fand solche Bilder bis jetzt nur im Cepe-Tal und am Mayafluss.

So habe ich in all den Jahren bis jetzt fast 1.300 Felsen mit Petroglyphen gefunden und weiß außerdem von der Existenz von mehr als 300 weiteren Steinen, denen ich sobald wie möglich in der nächsten Zeit einen Besuch abstatten werde. Da es fast keine Informationen über Felszeichnungen gibt, kann man in allem nur noch Vermutungen anstellen, was diese Bilder eigentlich zu bedeuten haben. Interessant und faszinierend sind sie auf jeden Fall.