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50 Jahre freundschaftliche Beziehungen

Antonie Morand

Die herzliche und immer noch anhaltende Verbindung zwischen der Colonia Tovar und einigen Gemeinden am Kaiserstuhl begann 1960 mit dem Besuch von Alicia Gutt und Rosina Breidenbach. Der Initiative von Frau Maria Othmer, einer nach Tovar immigrierten Deutschen, ist es zu verdanken, dass der Kontakt zu den aus Südbaden 1842 ausgewanderten Familien wieder zustande gekommen ist.
Frau Othmer schrieb einige Auswanderergemeinden am Kaiserstuhl an, um den zwei jungen Frauen einen Aufenthalt in der Heimat ihrer Vorfahren zu ermöglichen. Die Gemeinde Forchheim, mit dem damaligen Bürgermeister Johann Haberstroh, und die Lehrerin Frau Hedwig Binder gaben Antwort und luden beide nach Forchheim ein.

Die Frauen hatten in den paar Wochen, die sie zu Gast waren, Kontakt mit der ganzen Bevölkerung. Durch den überlieferten Kaiserstühler Dialekt gab es keinerlei Verständigungsprobleme. Von vielen Familien wurden Alicia und Rosina zum Essen eingeladen, sie waren mit dem Kirchenchor beim Jahresausflug mit dabei, halfen bei der Kartoffelernte und später auch bei der Traubenlese. Es wurden Ausflüge in andere Gemeinden des Kaiserstuhls unternommen, sodass sie mit vielen Menschen in Kontakt kamen. Bis heute bestehende Freundschaften entstanden in dieser Zeit.

Die Freundschaft zwischen Alicia und der Forchheimerin Barbara Dürr de Meyer führte dazu, dass Barbara einige Jahre später nach Colonia Tovar reiste. Barbara wollte Frau Othmer und ihre Freundin Alicia besuchen und eventuell als Krankenschwester in Colonia Tovar oder Caracas arbeiten.
Bei diesem Aufenthalt lernte sie ihren späteren Mann, Pablo Dürr, aus Colonia Tovar kennen, dessen Vorfahren aus Wyhl stammen. 1968 heirateten Barbara und Pablo hier in Endingen. Durch sein aufgeschlossenes und freundschaftliches Wesen hat Pablo Dürr schnell viele Freunde am Kaiserstuhl gefunden und neue Kontakte geknüpft.
Pablo war der junge Mann, der Dr. Conrad Koch in Tovar als Helfer während seiner viermonatigen Forschungsreise unterstützte. Er führte ihn im Jeep zu den entlegenen Gehöften und half bei der Zusammenstellung der Genealogie und Soziographie des Dorfes.

Nach seiner Rückkehr hielt Dr. Koch viele Vorträge im Freiburger Raum. Seine Farbdias und Tonbandaufnahmen fanden derartigen Anklang, dass sich schon 1965 in Endingen bei Franz Vollherbst, im Beisein des Heimatdichters Karl Kurrus, ein erster noch informeller Kreis der „Freunde von Tovar“ bildete. Als dann Helmut Eitenbenz 1967 das Amt des Bürgermeisters von Endingen übernahm, erhielt dieser Freundeskreis ein weiteres sehr interessiertes Mitglied.

Durch die Initiative von Barbara und Pablo Dürr kam 1973 eine Delegation von 16 Tovarianern zur 1100 Jahrfeier nach Endingen. Sie nahmen in ihrer Nationaltracht, dem „lici lici“, und der venezuelanischen Flagge am Festumzug teil. Im Hotel Pfauen trafen sie sich mit einigen Heimatdichtern aus unserer Region. In den verschiedenen Auswanderergemeinden wurden die von so weit her gereisten Gäste mit dem badischen Dialekt willkommen geheißen.

Besonderes Engagement zeigte der vorab genannte „Kreis der Freunde von Tovar“ bei der 1100 Jahrfeier mit der Betreuung der Übersee-Besucher.
Der Endinger Unternehmer Franz Vollherbst lud die Delegationsmitglieder, unter ihnen Ricardo Redneris, sehr häufig in sein Haus ein. Er wurde von Ricardo zu einem Gegenbesuch in die Colonia Tovar eingeladen, den er 1974 mit seinem Sohn Franz-Josef unternahm. In den vier Wochen ihres Aufenthaltes in der Kolonie wuchsen tiefe persönliche Verbindungen. Ricardo Redneris bat darum, Lehrstellen für junge Tovarer am Kaiserstuhl zu besorgen, ebenso wie José Strubinger, der mit seinen zwei Söhnen persönlich bei Franz Vollherbst die Bitte vorbrachte.

Nach seiner Rückkehr suchte Franz Vollherbst Lehrstellen und beschaffte mit der Unterstützung von Bürgermeister Helmut Eitenbenz auch die nötigen Arbeits- und Ausbildungserlaubnisse für die venezolanischen Staatsbürger. Im September 1974 wurden schließlich die ersten sechs Tovarianer vom Frankfurter Flughafen abgeholt. Erfolgreich schlossen sie in den verschiedenen Berufen als Metzger, Bäcker, Schreiner, Zimmermann und Koch ihre dreijährige Lehrzeit ab.

Im Januar 1982 reisten die Endinger Stadtmusik und Mitglieder des Endinger Gemeinderats nach Venezuela.
Wohin sie auch kamen, wurden sie herzlich aufgenommen. Sowie der Gegenbesuch aus einer Gruppe von 30 Tovarer Jokilis, der noch im selben Jahr stattfand. Am 15.02.1982 waren sie über die Fasnetstage und anlässlich des Narrentreffens zum 200-jährigen Bestehen der Endinger Narrenzunft nach Endingen gekommen und nahmen am närrischen Geschehen teil. Unvergessliche Augenblicke auf beiden Seiten!

Ein großartiges Erlebnis für alle Beteiligten war die Einladung zur 150-Jahr-feier der Colonia Tovar im April 1993. Es reiste eine Delegation von etwa 70 Personen aus verschiedenen Auswandererorten zu diesem groß gefeierten Jubiläum nach Venezuela.
Bereits ein Jahr später kam eine Gruppe vorwiegend älterer Tovarer zu einem Gegenbesuch an den Kaiserstuhl. Die Gruppe wurde in den verschiedenen Gemeinden untergebracht und betreut.

Auf Einladung des damaligen Präsidenten der Tovarer Jokilis, Pablo Dürr, reiste der Bürgerwehr-Spielmannszug Endingen 1998 zur Fasnet nach Colonia Tovar. Die Musiker begleiteten die Jokilis bei jeder Veranstaltung und bei allen Umzügen. Die Gastfreundschaft der Tovarer Hotelinhaber und der Jokilifamilien werden den Spielleuten unvergesslich bleiben.

Nicht zu vergessen ist auch das Jahr 2007, als 33 Tovarer Jokilis zum 225-jährigen Jubiläum der Endinger Narrenzunft zu Besuch kamen. Es ist die 2. Generation der Tovarer Jokilis seit der Gründung im Jahr 1976. Mit ihrem Lied „Narri Narro, Tovarer Jokili sin wider do“ haben sie sich in die Herzen der Endinger gesungen und unvergesslich gemacht.

Eine große Persönlichkeit in der Freundschaft zwischen Tovar und dem Kaiserstuhl war Leopoldo Jahn Montauban. Die Familie Jahn steht seit Generationen in enger Verbindung mit den Menschen in Tovar. Leopoldo hat sich gemeinsam mit seinem Freund Pablo Dürr um den Schutz und die Bewahrung der kulturellen und historischen Denkmäler der einzigartigen Historie von Colonia Tovar verschrieben. In zahlreichen Veröffentlichungen, Fotoserien und dem informativen Bildband „Die Colonia Tovar und ihre Menschen“ hat er uns Tovar näher gebracht.

Immer wieder reisten Gruppen, mal größer mal kleiner, und viele Einzelpersonen nach Tovar oder zu uns an den Kaiserstuhl. Viele persönliche Beziehungen, Freundschaften und auch Ehen entstanden zwischen den Kontinenten. Praktikums- und Ausbildungsplätze wurden immer wieder angenommen. Etliche junge Menschen aus der Kolonie konnten hier im Laufe der Zeit verschiedene Erfahrungen sammeln und die deutsche Sprache lernen.

Auch Bürgermeister Hans-Joachim Schwarz, kraft seines Amtes Kuratoriumspräsident der Stiftung Colonia Tovar, sowie die Vorstandschaft des Freundeskreises Colonia Tovar hat Venezuela schon mehrfach bereist und viele Freundschaften geschlossen.

Durch die Ernennung von Alt-Bürgermeister Helmut Eitenbenz im Jahre 1997 zum Honorarkonsul wurde der Kontakt auch auf der politischen Ebene vertieft. Helmut Eitenbenz setzt sich stets für alle Belange der Tovarer Freunde ein. Es ist ein großer Glücksfall, ein Konsulat in Endingen zu haben.

Zwischenzeitlich findet ein reger Austausch zwischen vielen Personen und Familien der beiden Länder statt. So werden die freundschaftlichen Beziehungen, welche vor 50 Jahren ihren Anfang fanden, immer wieder aufgefrischt, erweitert und mit Leben erfüllt.