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Leszek Zawisza *1920

Leszek Zawisza, * 1920 in Krakau, Polen. - z.Zt. in Italien, 06087 Perugia.

Prof. Dr. Conrad Koch (verfasst 1996)

Bericht über dessen Erforschung der Bauten Tovars

Der in der polnischen Stadt Krakau 1920 geborene Leszek Zawisza gehörte zu den Jahrgängen, die am zweiten Weltkrieg teilnehmen mussten. Seine berufliche Ausbildung absolvierte danach Zawisza sowohl in England als auch in Italien durch ein Architekturstudium. In Rom erhielt er seine Graduation, die er an der Universidad Central in Caracas erneuerte. Seit 1952 in Caracas wohnhaft, gründete er mit seiner Ehefrau, Chiara Cipiciani, die auch Architektin war, ein Architekturbüro für Wohn- und Industriebauten.
Er war Gründungsmitglied des Verbandes Venezolanischer Architekten und Inhaber eines Lehrstuhls der Fakultät für Architektur und Städtebau an der Universidad Central in Caracas. An der gleichen Universität leitete er das Zentrum für geschichtliche Forschung. Als Historiker wandte er sich hauptsächlich dem Thema der venezolanischen Architektur zu. Er lehrte zugleich auch an der Universität Simon Bolivar und war auch Honorarprofessor der Universität Merida in den Anden. Zur Zeit lehrt er noch als Gastprofessor an der Universität von Perugia in Italien.

Er ist Autor folgender Buchveröffentlichungen:

- La Academia de Mätematicas de Caracas, 1980
- Alberto Lutrowski, contribuciön al conocimieto de la ingeneria venezolana del siglos XIX 1980
- Arquitectura y Obras Püblicas en Venezuela, siglo XIX, 3 Bände 1988-89
- L.A. Hoet, un ingeniero de la vieja Maracaibo 1987
- Breve historia de los jardines en Venezuela (1990)
- Colonia Tovar Tierra Venezolana (1980)

Sein Buch über Tovar wurde in Quito (Äquador) mit dem Architekturpreis ausgezeichnet. In Venezuela erhielt Zawisza für diese Arbeit von der nationalen historischen Akademie den Preis „Christobal Mendoza“. Zwei weitere Essays über die Architektur Tovars wurden im Boletin 22 del Centro de Investigaciones Histöricas y Esteticas und in der Revista Summarios No 40 in Buenos Aires veröffentlicht.
Von seinem umfangreichen und sehr lesenswerten Buch „Colonia Tovar Tierra Venezolana“ soll hier vor allem das Kapitel über die Architektur der Tovarer Bauten besprochen werden. Zawisza widmet diesem Aspekt einen gebührenden Teil und seiner Gründlichkeit, seinem Fachwissen ist es zu verdanken, dass wir heute von sieben der von den Erstauswanderern oder ihren Kindern erbauten Wohnhäusern präzise maßstabsgerechte Konstruktionszeichnungen in seinem Buch abgebildet finden. Meines Wissens ist er der erste, der diesen wichtigen Aspekt der Tovarer Kultur in kompetenter Weise untersucht hat.

Zawisza weist auf die für Bauvorhaben sehr ähnlichen äußeren Bedingungen in Baden und Tovar hin, nämlich das zeitweilig recht regenreiche aber moderate Klima des Schwarzwaldes und das reiche Holzvorkommen der alten und der neuen Heimat. Beide Fakten würden die Beibehaltung der europäischen Formen begünstigen. Wenn man sich fragt, welche typischen architektonischen Aspekte und typischen Strukturen der Bauten als „alemannisch“ bezeichnet werden könnten, so müsste man eine Differenzierung zwischen den familiären Wohnhäusern und den für die Öffentlichkeit bestimmten Bauten, wie Kirche, Schule, kommunale Zentren und auch die Mühlen vornehmen.

Bei der ersten Gruppe sei, wie zu erwarten, ein wesentlich höherer Einfluss von venezolanischen Methoden feststellbar, als bei den zur Kategorie der öffentlichen Bauten zu zählenden symbolträchtigen Konstruktionen.
Die erste noch mit Palmenlaub gedeckte Kirche Tovars, die wir von dem Bellermannbild 14 Monate nach Gründung der Colonia Tovar her kennen*), war relativ klein und bescheiden. Zawisza meint, dass ihre Wände sehr wahrscheinlich aus „bahareque“ errichtet wurden. Das heißt, sie bestanden aus Holzpfosten mit geflochtenen Zuckerrohrstroh, das mit Lehm verstrichen wurde. Er schließt aber auch die Anwendung von Steinmauern nicht aus. Stellt man sich den kurzen Zeitraum vor, der in der beginnenden Regenzeit den Siedlern neben dem dringenden Bau der eigenen Wohnstätten zur Verfügung stand, um bereits am 28. August, also vier Monate nach ihrer Ankunft, ihre Kirche vom in Caracas weihen lassen zu können, neige ich auch zu der Annahme, dass es sich um einen recht einfachen Bau gehandelt haben müsste.

Nach 20 Jahren haben die Tovarer, noch unter der Leitung von Alexander Benitz, ihre Kirche neu geplant und inmitten des damals herrschenden Bürgerkrieges bis zur Grundsteinlegung erstellt.
Aus dem sehr eindrücklichen, von Prof. Zawisza zitierten Dokument der Grundsteinlegung geht die tiefe Frömmigkeit der Männer, die mit Benitz die Siedlung gegründet haben, hervor. Es beginnt mit den Worten:

„Zur Verherrlichung unseres Vaters +++ Jesus Christus, als Erlöser mit seinen göttlichen Worten für die Nachwelt legen wir in tiefster Andacht diesen Grundstein, damit in weiteren Zeiten es nachgewiesen werden kann, wer hier in der deutschen Kolonie Tovar gewohnt und diesen kleinen Tempel erbaut hat.“

Die Kirche wurde im November 1886 fertiggestellt und eingeweiht. Das Kirchenschiff maß 7 x 14 m und die Höhe des Dachkonstruktion betrug 4 m.

Sie wurde danach mehrfach renoviert. Prof. Zawisza schreibt, dass der Lehrer Aretz, dessen Bruder zur gleichen Zeit die Pfarrstelle in Tovar innehatte, einen Plan zur Erweiterung der Kirche durch ein zweites im rechten Winkel zu erstellendes Schiff vorgeschlagen hätte, der Kirche in Freudenstadt im Schwarzwald nachempfunden. Bei einem Gespräch in den sechziger Jahren zeigte mir Richard Aretz von ihm entworfene Skizzen für das Fachwerk zur Erneuerung des Kirchturms. Nach seinen Zeichnungen wurde das Fachwerk bei der Renovierung des damaligen Kirchturms in der Weise gefertigt, wie es heute noch in dem am Kirchplatz errichteten Turm existiert.

Über schon damals bestehende Erweiterungspläne der Kirche hat Aretz zu mir nicht gesprochen. Ich weiß aber, dass in den fünfziger Jahren, als die Vergrößerung der Kirche immer dringender wurde, ein aus dem Schwarzwald stammender und damals mit seiner Familie in Tovar wohnender Bildhauer ein Modell der Kirchenerweiterung angefertigt hat. Als er es mir zeigte, wies er daraufhin, dass er es in der gleichen Weise gemacht habe, wie er die Kirche von Freudenstadt noch in Erinnerung hätte. Schliesslich bot sich für Tovar eine Erweiterung der Kirche faktisch nur durch ein zweites Kirchenschiff an, weil vom Gelände her kaum eine andere Möglichkeit bestand.

Das Benitzhaus, oder wie man es früher auch nannte, „La Trilla“ , was man am ehesten mit „Dreschtenne“ übersetzen kann, war von Beginn an nicht nur als Heimstätte für den Leiter der Siedlung bestimmt, sondern auch als „Kornhaus“, d.h. als Depot für Lebensmittel, Ackergeräte und Werkzeuge für Gemeinschaftsarbeiten.
Die Lagerräume waren in dem großen, von dicken Feldsteinmauern umgebenen Keller sicher untergebracht. In dem Raum darüber, in dem Getreide gedroschen wurde, war der Fußboden inkliniert angelegt worden, damit die Körner leicht in das untere Depot gefegt werden konnten. Später wurde es das Geschäftshaus der „Gebrüder Benitz.“

Mit dem beginnenden Tourismus wurde an der der Kirche gegenüberliegenden Seite des Kellers eine Öffnung ausgebrochen, um für das heute darin befindliche „Cafe Muuhstall“ einen Eingang zu schaffen. Dieses von Endinger Handwerkern erbaute Haus zeichnet sich in allen seinen Teilen durch eine robuste Ausführung aus.

Zawisza berichtet auch über das dem Benitzhaus gegenüberliegende, für Coronel Codazzi mit einem Innenhof in quadratischer Bauweise errichtete Gebäude. Die zur Strasse hin ausgerichtete Front war wie beim Benitzhaus besonders zur Nutzung sozialer Belange ausgerichtet. Nach Zawisza soll ein Teil abgerissen worden sein und der Rest in L- Form zeitweise den Tovarern als Schule und auch als Präfektur gedient haben.

Im oberen Teil des Dorfes haben der Baumeister Jakob Ruh und sein Sohn Wilhelm Ruh zwei große Häuser errichtet, die sich am Eingang von Tovar an der Straße nach La Victoria gegenüberliegen. Beide waren neben den Familienunterkünften zugleich auch als Verkaufsstätten und Gastwirtschaften konzipiert worden, dafür sprach schon ihre ausgezeichnete wirtschaftsstrategische Lage. Zur Strasse hin hatten beide Häuser jeweils nach außen einen Säulengang, an denen von den Maultiertreibern ihre Mulas angebunden werden konnten. Die Fracht, die zumeist aus Kaffee bestand, konnte hinter den Säulen auf dem gepflasterten Gang sicher deponiert werden.

Das nördlich gelegene Wirts- und Geschäftshaus „Siempre viva“ ist ein typisch in tovarer Bauweise erstelltes Gebäude. Sein Mittelteil ist 6,5 m breit und mit einem Satteldach von 45 Grad versehen. Beide Wirtshäuser hatten ursprünglich Schindeldächer, die nicht mehr vorhanden sind. Sie wurden durch Zinkplatten ersetzt.

Es ist interessant, dass die ältesten Bauten in Tovar, die Kirche, das Benitz- und das Codazzihaus, Fassaden aufweisen, die in drei horizontale Abschnitte unterteilt wurden. In den Jahren 1880 und 1890 wurden sie nur noch zweimal unterteilt und gegen 1900 weisen die Fassaden keine horizontalen Abschnitte mehr auf. Dies beweist, dass zusammen mit einer Vereinfachung der Bauweise auch billigere Baumaterialien zum Einsatz kamen, wahrscheinlich, weil nach einem halben Jahrhundert die handwerklichen Kenntnisse der Siedler teilweise verlorengegangen waren.
Mit der Unterstützung der Deutschen Botschaft wurde 1916 mit dem Bau eines zentral gelegenen Schulhauses begonnen, das zur Hälfte von der venezolanischen Regierung und zur Hälfte von Deutschland bezahlt wurde. Der Botschafter von Prollius hat auf Anraten des Ing. Alfredo Jahn den deutschstämmigen Ingenieur und Wissenschaftler Eduardo Röhl mit dem Bauentwurf und der Bauführung beauftragt. Die tovarer Bürger haben durch freiwillige Arbeitsleistungen ebenfalls zum Gelingen dieses stattlichen Bauwerks beigetragen.
Das zweistöckige Gebäude hat auch ein geräumiges Dachgeschoss. In mittlerer Höhe läuft ein Balkon um den oberen Stock, der von dem ausladenden Walmdach vor Regen beschützt wird. In diesem Bauwerk benützt Dr. Röhl im Erdgeschoss die früher übliche dreigeteilte Struktur der Fassade. Im ersten Stock dagegen hat er eine zweigeteilte Fassade vorgezogen.
Die erste evangelische Kirche wurde in den Jahren 1916-17 auf dem Gelände der Familie von Juan Ruh und seiner Frau Gertrud Collin errichtet, dort wo heutzutage das „dispensario medico“ steht (eine staatliche Einrichtung für medizinische Grundversorgung). Im Jahre 1936 wurde die Kirche verlassen und ihre Glocke von wegziehenden Gemeindemitgliedern nach La Victoria gebracht. Später wurde das Gebäude abgerissen. Heinrich Collin errichtete 1960 für die „Freie evangelische Gemeinde“ auf seinem Grund und Boden eine neue Kirche, in der die Glocke ihren endgültigen Platz fand. Das neue Bauwerk wurde in der gleichen Art wie die vorherige Kirche konzipiert, mit dem Unterschied, dass für das Dach anstelle von Dachziegeln Wellblechplatten benutzt wurden und die Fenster kleinere Masse aufweisen.

Ein bedeutsamer Aspekt der kulturellen Eigenart der Tovarer wird in dem Bau von Wassermühlen sichtbar. Insgesamt wurden sechs von ihnen errichtet. Die erste ist sofort nach der Ankunft in zentraler Lage an den Ufern des Rio Tuy errichtet worden. Bei ihr wurde das Rad in seinem unteren Teil durch den in einen steinernen Kanal geleiteten Wasserstrom angetrieben. Von dieser Mühle ist nur das Steinbett erhalten geblieben.

Die besterhaltenste Mühle gehört der Familie Breitenbach. Sie wurde etwa 1860 in einer einfachen Struktur erbaut. Die Wände bestanden aus „behareque“ und das Dach war mit Schindeln gedeckt worden. Dem großen Wasserrad wurde durch einen hochgelegenen hölzernen Kanal das Wasser zugeführt. Heute ist dieses Gebäude restauriert worden und bildet einen attraktiven Blickfang für das daneben errichtete Restaurant. In ähnlicher Weise wurde gegen 1900 im gleichen Gebiet des Flusses Tuy die Wassermühle der Familie Frey errichtet. Diese Mühle hatte auch Einrichtungen, um Kaffeebeeren zu entschalen. Leider ist sie nicht sehr gut erhalten.

Eine weitere, auch ziemlich zerfallene Mühle gehört der Familie Gerig. Sie liegt weit oben in der Nähe des Dorfeinganges. Von ihr ist leider fast nur das große Rad noch erhalten geblieben. Ebenfalls im oberen Teil der Siedlung besitzt Alejandro Gerig eine Mühle, die in den achtziger Jahren noch in Betrieb war. Auch sie wies eine relativ einfache Konstruktionsweise auf, ihre Wände bestanden aus „behareque“. Trotzdem fällt sie durch ihr riesiges Rad und ihren malerischen Standort auf. Ganz in der Nähe der evangelischen Kirche hat Enrique Collin „Aus Liebe zur Tradition“ wie er sagte, eine Wassermühle gebaut. Sie besitzt Holzwände und stützt sich auf Palmenpfosten. In wirtschaftlicher Hinsicht ist keine der tovarer Mühlen rentabel. Heutzutage werden sie von den Tovarern als Symbol ihres kulturellen Erbes angesehen und von den auswärtigen Besuchern als touristische Attraktion geschätzt.

Das im Jahr 1889 erbaute Haus von Rosa Bergmann, das ohne sichtbare Änderungen erhalten geblieben ist. Das Vorhandensein eines vom Kolonisten Enrique Collin gebauten Harmoniums und einer Nähmaschine zeigen ein kulturelles Niveau, das über die rein bäuerlichen Aktivitäten hinausgeht. Im gleichen Haus bewahrt man auch eine alte Lutherbibel auf.

Das Haus von Merehilda Müssle wurde in den Jahren 1890 bis 1900 erstellt. Die starken Holzpfosten weisen eine Dicke von bis zu 24 cm auf. Das Haus war Ende der siebziger Jahre verlassen, worauf auch das Fehlen von Möbeln hinweist.