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Dr. phil., med. Herrmann Karsten (1817 - 1908)

Dr. phil., med. Herrmann Karsten * 6.11.1817 in Stralsund, + 10.7.1908 in Berlin

Prof. Dr. Conrad Koch (verfasst 1994)

Die Mutter von Hermann Karsten starb als er gerade sieben Jahre alt war. Sein Vater brachte den Jungen bei Verwandten auf einen nahegelegenen Bauerhof unter. Vielleicht war es die unmittelbare Nähe der Natur, die das Interesse und seinen späteren Werdegang bereits damals beeinflusste. Sein Vater schickte Hermann in ein Gymnasium in Stralsund; hier legte der junge Karsten sein erstes Herbarium von typischen Pflanzen aus Pommern an. In Berlin absolvierte Karsten ein Studium der Medizin und der Naturwissenschaften. Dort lernte er auch einen Geschäftsmann aus Venezuela, namens Rühs, kennen, der ihn in sein Haus nach St. Estaban in der Nähe von Puerto Cabello einlud. Im Februar 1844 betrat Karsten in Puerto Cabello erstmals venezolanischen Boden. Die ausserordentlich reiche Vegetation des in der Nähe gelegen Tales von San Esteban begeisterte ihn derart, dass er dort umfangreiche botanische Sammlungen anlegte, einige wissenschaftliche Artikel schrieb und sehr präzise botanische Zeichnungen anfertigte. Etwa nach einem Jahr begab sich Karsten in das Araguatal und besuchte auch die noch sehr junge Colonia Tovar. Hier gefiel es ihm so gut, dass er länger als ein Jahr in dem auf 1790 Meter über dem Meer gelegenen Dorf blieb. Neben seinen botanischen Sammlungen führte er ein umfangreiches Tagebuch in dem er seine Beobachtungen präzis beschrieb. Diese bildeten später die Basis für viele Fachaufsätze. Einer der bekanntesten wurde 1864 in Berlin unter dem Titel: „Über die Stellung einiger Familien parasitischer Pflanzen im natürlichen System“ veröffentlicht.
Karsten hatte auch das Glück, in Tovar, mit dem engagierten Fachkollegen Karl Moritz zusammenzutreffen und sich mit ihm zu befreunden. Er verband einige botanische Neuentdeckungen mit dessen Namen: z.B. Langsdorffia Moritziana und Eugenia Moritziana. Karsten hatte sich eng an die Familie Benitz angeschlossen, die ihm wertvolle Unterstützung leistete, die der Historiker Hermann Schuhmacher wie folgt beschrieb: „Ohne die gütige Hilfe der Familie Benitz wäre das Einpacken und vielöe andere beschwerliche Tätigkeiten sehr mühsam gewesen; ohne diese Hilfe wäre es Karsten unmöglich gewesen, sich monatelang in dem dichten Urwald aufzuhalten und dennoch Zeit zu finden für alle die außerordentlichen Zeichnungen der schönsten tropischen Vegetation, deren Genauigkeit und Vollständigkeit seinesgleichen sucht.“ *)

*) Schuhmacher Hermann, Südamerikanische Studien. - Drei Lebens- und Kulturbilder Mulis - Caldas - Codazzi. Berlin 1884, S. 326

Aber Karsten war auch gegenüber den Wünschen von Benitz sehr aufgeschlossen. Der Leiter und Nachfolger von Codazzi hatte stets die Zukunft und das Wohl der von ihm angeworbenen Familien im Auge. Einen Aufschwung konnte es seiner Meinung nach nur geben, wenn mehr Familien aus Europa sich in Tovar ansässig machen würden. Durch die Vermittlung von Karsten gelang es, dass über Konsul Glöckler in Hamburg etwa 700 aus Deutschland stammende Auswanderer von der Existenz der deutschen Ackerbausiedlung in Tovar erfuhren. Von ihnen entschlossen sich 73 Personen in La Guaira, das Schiff zu verlassen und nach Tovar zu reisen. Die Bemühungen um weitere Einwanderer wurden auch in den nächsten Jahren fortgesetzt, allerdings mit geringem Erfolg. Bei seiner Deutschlandreise von 1856 bis 58 meldete sich Alexander bei seinem Freund Karsten in Berlin an. Er wurde von dem Botanikprofessor sehr herzlichempfangen. In seiner damaligen Junggesellenwohnung hatte dieser ihm ein Zimmereingerichtet und ihm in einem Brief mitgeteilt, wie er ihn erreichen könnte. Aus dem Original, das leider stark beschädig ist:„Berlin Donnerstag 4. Mai 57
....Eben von einer kleinen Ferienreise zurückkehrend, erhalte ich Ihren lieben Brief, wertherFreund aus dem ich mit Vergnügen sehe, daß es Ihnen wohl geht und daß ich bald Sie zusehen hoffen darf. Wie sehr bedaure ich aber, daß ich Ihren Brief nicht einige Tage frühererhielt, um Sie dann gebeten zu haben sogleich Ihre Abreise hierher auszuführen, damit mirdie Pfingstferien das Vergnügen erlaubt hätten, mit Ihnen ungehindert von Geschäften einigeTage umher zu wandern und Berlins Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt werde ich mit Ihnennur die Stunden, die die Vorlesungen und deren Vorbereitungen zu denselben mirübriglassen, verwenden können und bitte Sie mir den Tag zu schreiben, wann ich Sieerwarten kann; hoffentlich werden Sie sogleich Ihren Droschkenkutscher ..(beschädigt)..Strosse 16 parterre rechts aufsuchen und wenigstens bei mir so lange bleiben, bis es Ihnenirgendwo anders bequemer erscheint, einem südamerikanischen Reisenden, wie uns beidenwird es ja nicht schwer sich... (beschädigt) ...
Ihrem werthgeschätzten Herrn Vater bitte ich mich unbekannter Weise bestens zu empfehlen, bald werde ich das Vergnügen haben, so hoffe ich, von Ihren Lieben in Tovar mündlich zu hören; inzwischen verbleibe ich Ihr treuergebener H. Karsten“ (Doku No 1857018606011) In einem Brief nach Tovar schreibt Alexander über seinen Besuch bei Hermann Karsten: „Berlin, den 9. July 1857 Liebe Geschwister Lugarda Carl Emelie u. Wilhelm, Seid dem 16. vorigen Monats bin ich von Endingen abwesend und befinde mich schon 14 Tage hier in Berlin, und wohne bei Herrn Dr. Karsten.....
Lieber Carl, Dr. Karsten hat mir 5 Th. gegeben damit Du ihm Wachspalmenfrüchte von den anderen Palmen suchen last, es wird gerade Zeit daß sie reifen und der beste Moment wo man sie noch verschicken kann, sonst kommen sie in die Kälte wo sie erfrieren würden, es liegt mir sehr daran Karsten diesen Dienst zu erweisen und rechne daher auf Deine Pünktlichkeit (...) Die Adresse auf der Kiste oder der Begleitschein ist wie folgt: Herrn G.F.C. Röding in Hamburg abzugeben an Herrn Dr. H. Karsten in Berlin Unterlasse ja nicht die Palmfrüchte zu schicken, nach der beigelegten Instruktion denn Herr Dr. Karsten kann uns hier sehr dienlich sein und ist es mir auch schon gewesen. Ich hoffe daß dies Schreiben bei bester Gesundheit treffen wird. Lebt wohl Euer Bruder Alexander Benitz“
Archiv der Stiftung, Doku No 1857018906011)