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Conrad Koch (1920 - 2005)

Conrad Koch, * 24. 9. 1920 in Berlin Charlottenburg, + 8.12.2005 in Basel

Dr. Adalbert Saurma (verfasst 1996)

Bericht über Conrad Koch und seine Forschung 1964 in Tovar

Der in Berlin und dem märkischen Fürstenwalde aufgewachsene Koch schuf sich, nachdem er als Marineoffizier 1945 aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, in Celle eine neue Existenz. Als Schüler des Photowissenschaftlers Dr. Heinz Naumann absolvierte er eine photographische Lehre, legte 1950 die Meisterprüfung ab und heiratete die Photographin Marga Linnewedel. Im gleichen Jahr erhielt er durch einen bekannten deutschen Zoologen, der im Auftrag des venezolanischen Forstministeriums im Regenwald der Küstenkordillere ein Institut einrichtete, das Angebot, dort die wissenschaftliche Dokumentation der Forschungsarbeiten in Bild und Film zu übernehmen. Nach dreijähriger Tätigkeit und vielen Reisen in das Landesinnere beschloss er, in Caracas ein eigenes Photounternehmen, das „Institute Fotografico“ C.A. zu gründen.
Dank harter Arbeit der beiden für venezolanische Verhältnisse überdurchschnittlich gut ausgebildeten Fachkräfte hatten die vom Ehepaar Koch geführten Ateliers und Laboratorien für technische Spezialgebiete der Photographie einen sehr guten Erfolg. Das Landwirtschafts- und Forstministerium wandte sich auch später noch an Koch, wenn es galt, besondere Aufgaben zu lösen. Als für die nur auf abenteuerlichen Urwaldwegen erreichbare, damals seit über hundert Jahren bestehende badische Auswanderersiedlung "Colonia Tovar" zum Bau einer Strasse und ihrer Trassenführung Informationsmaterial benötigt wurde, beauftragte das Ministerium Koch, hierüber einen Dokumentarfilm zu erstellen. Auf diese Weise kam er 1953 erstmals in die kleine fast mehrheitlich von Nachkommen Kaiserstühler Auswanderer bewohnte Kulturinsel. Sie war damals ein beinahe vergessenes Zeugnis der staatlich geförderten und viel großräumiger geplanten Immigrationspolitik Venezuelas im 19. Jahrhundert. Über Geschichte und Wesen der verwunschenen Kolonie kursierten noch bis in die siebziger Jahre eher Legenden und Halbwahrheiten. Soweit es überhaupt gesicherte Kenntnisse über Tovar gab, harrten sie verstreut in zumeist privaten Archiven Venezuelas und Deutschlands ihrer Entdeckung. Zunächst als reine Freizeit-Historiker versuchten Koch und seine Gattin sich in diesen für das kulturelle Überleben der ehemaligen Kolonie entscheidenden Jahren nach der staatlich verordneten Munizipalverfassung (1942) und vor dem Bau der asphaltierten Strasse (1963) ein erstes Bild zu machen, indem sie älteste Bewohner nach ihren Erinnerungen befragten und wertvolle Dokumente der Verwahrlosung entrissen.
Zu Beginn der sechziger Jahre war Kochs Existenz soweit gesichert, dass er den mutigen Entschluss fassen konnte, mit seiner Familie nach Europa zurückzukehren und sich dort den durch den Krieg zunichte gemachten Wunsch eines Hochschulstudiums zu erfüllen. Er übergab die von ihm gegründete Aktiengesellschaft seinen langjährigen Mitarbeitern als Teilhaber und erkor Basel als Studienort. Dort schienen ihm, dass für seine eher ungewöhnliche Fächerkombination von Völkerkunde, Volkswirtschaftslehre und Soziologie bei Alfred Bühler, dem bekannten Museumsleiter und Professor, sowie bei dem bedeutendem Ökonomen Edgar Salin und dem Soziologen Popitz die denkbar besten universitären Bedingungen gegeben zu sein.
Nach einigen Semestern wurde immer deutlicher, dass Koch seine Studien am wirkungsvollsten mit einer Dissertation über Tovar abschließen würde, in der er seine ersten, noch in Venezuela erarbeiteten historischen Kenntnisse nun in kulturwissenschaftlicher Perspektive und mit soziologischen Methoden zu einer Monographie zu erweitern gedachte. Nach einer 1964 ganz der systematischen Feldforschung gewidmeten Reise in die Kolonie und der Entdeckung zahlreicher historischer Dokumente an verschiedenen Orten beider Kontinente sah er sich in einer fast allzu großen Fülle von einzelnen Daten gegenüber, die es nun untereinander in sinnvolle Beziehungen zu setzen galt.
Auch verfügte Koch über eine stattliche Anzahl von Interviews im Tovarer Dialekt, die er und auch seine Frau aufgenommen hatten. In ihnen wurden die zentralen Themen der kleinen Gemeinschaft behandelt, insbesondere die Erhaltung des Althergebrachten sowohl in einem kreatürlich-blutsmäßigen wie auch symbolisch-sprachlichen Sinn. Unterstützt durch die intensive Sammlung von Zeugnissen aller Art gelang es ihm, mit diesen Gesprächen auch Licht in naturgemäß eher indirekt rekonstruierbare verwandtschaftliche und ökonomische Zusammenhänge zu bringen. Im Brennpunkt des sozialen Gefüges der Kolonie standen seit ihrem Beginn wie auch noch heute die verwandtschaftlichen Beziehungen.
Anhand historischer Forschungen und der zahlreichen über dieses Thema geführten Gespräche mit den Sippenältesten des Dorfes erarbeitete Koch die Abstammungskegel (Stammbäume) aller seiner Zeit in Tovar angesiedelten Familien. Sie reichten von den Großeltern der Auswanderer bis in die sechziger Jahre unserer Zeit. Koch entwickelte eine eigene Methode für die Berechnung multipler Verwandtschaftsbeziehungen ganzer Gesellschaften, indem er die verwandtschaftliche Verflechtung von Heiratspartnern akkumulierte und diese nach dem Grad der jeweiligen Verwandtschaftsnähe gewichtete. Dadurch war er in der Lage, sowohl von jeder in seiner Genealogie aufgenommenen Heirat die Verwandtschaftsnähe der jeweiligen Partner berechnen zu können, als auch durch Ermittlung der durchschnittlichen Verwandtschaftsnähe aller Heiraten eines Jahrzehnts den Wandel des Heiratsverhaltens zeitreihenanalytisch darzustellen.
Das Ergebnis der 700 von ihm noch mit den damaligen „antiken“ Computern ausgewerteten Heiraten unter den Badischen Auswanderern und ihren Nachkommen war sensationell. Entgegen allen früheren Publikationen, in denen seit der Jahrhundertwende immer wieder die verheerenden Folgen „der in Tovar herrschenden Inzucht“ beklagt wurden, konnte Koch mit mathematischer Präzision beweisen, dass es bis 1964, der Zeit seiner Forschung, keinen einzigen Fall von Inzucht in Tovar gegeben hatte.
Da die Aufzeichnungen aller Tovarer Familien und deren Verwandtschaft einen Besuch in ihren Häusern bedingte, ist es für seine Arbeitsweise typisch, dass er in dem viermonatigem Feldaufenthalt hierbei auch gleich eine genaue Beschreibung der Wohnverhältnisse vornahm. Er erfasste in allen Häusern die Anzahl der Bewohner, die Anzahl der Schlafzimmer, Wohnräume, das evtl. Vorhandensein einer getrennten Küche, Wasserinstallation und W.C. ebenso wie Angaben über Kleintier- und Großviehhaltung, Besitz von Kraftfahrzeugen, Radio und Eisschrank und die Art der Beleuchtung. Dadurch entstand 1964 eine Basissoziographie für alle späteren Arbeiten über den kulturellen Wandel Tovars.
Die Übersicht über die Verwandtschaftsverhältnisse und die Sammlung der Daten zu der damaligen Wohnsituation in Tovar wurde durch den ihnen innewohnenden Zwang zur Vollständigkeit ein sehr arbeitsintensives Nebenprodukt der eigentlichen Dissertation, das aber eine unersetzliche Grundlage zahlreicher Erkenntnisse und Beweisführungen ist.
Als weitere Säule des Kochschen Werks ist die in diversen Archiven erarbeitete Dokumentation der sozioökonomischen Situation der zur Auswanderung und Ansiedlung entschlossenen Familien anzusehen. Insbesondere sind hier zu nennen die von ihm in Le Havre entdeckte Passagierliste der „Clemence“ für die Überfahrt, die Zusammensetzung der ersten Selbstverwaltung in Tovar und der Plan der Grundstückzuteilung.
Die 1969 unter dem Titel „La Colonia Tovar, Geschichte und Kultur einer alemannischen Siedlung in Venezuela“ in Basel erschienene Arbeit besteht aus drei der historischen Entwicklung folgenden Teilen, die jeweils in gesonderten Abschnitten von entsprechenden sozialwissenschaftlichen Interpretationen begleitet sind. Der erste Teil beschäftigt sich naturgemäß mit der Vorgeschichte und den schweren ersten Jahren, in denen das Projekt beinahe eingegangen wäre. In einem zweiten Teil werden die bis etwa zum ersten Weltkrieg reichenden Jahrzehnte behandelt, die dank der Landschenkung durch Martin Tovar und geprägt von energischen Bürgermeistern als eine Blütezeit im Verborgenen angesehen werden können. Im dritten Teil werden die seither selbst wieder historisch gewordenen Jahre bis etwa 1960 geschildert, in denen die gewiss nicht nur idyllische Isolation durch kräftige äußere Einflüsse aufgehoben wurde. Hierzu zählen das zeitweilige ideologische Interesse am Deutschtum im fernen Ausland sowie die Einordnung Tovars in die Verwaltung des venezolanischen Staates, vor allem aber die Chancen und Gefahren des durch den Bau einer wetterfesten Strasse erfolgten touristischen Aufschwungs.
Das grundlegende Werk Kochs beschreibt nicht nur eine durch Archivfunde und oft im letzten Augenblick gerettete Spuren belegte Geschichte Tovars, sondern es vermag auch dank der seltenen, durch Auswanderung eingetretenen Situation eines dokumentierbaren gesellschaftlichen Nullpunktes und durch die über Jahrzehnte rigorose Abgrenzung nach außen einige wertvolle, gleichsam in einem historischen Labor gewonnene soziologische Einsichten zu vermitteln. Dazu gehören etwa die materiellen wie auch kulturellen Umstände, unter denen einzelne Familien sich ein Ansehen verschaffen können, das sie anderen, auf dem Einwandererschiff noch gleichrangigen, dann im Laufe der Jahre überordnet. Ebenso gehören dazu auch Strategien, dieses Prestige zu erhalten, indem Allianzen durch häufige Heiratsverbindungen gebildet werden. Koch konnte durch seine Arbeit das über viele Jahrzehnte gerade bei gleichrangigen Familien verschärfte Dilemma zweier für die Kultur Tovars grundlegender Normen aufzeigen: Die Ehen sollten sowohl nur unter Tovarern wie auch möglichst wenig verwandt eingegangen werden!
Nur dadurch, dass die Erinnerung kaum noch alle Generationen erfassen kann, kommt man in der Kolonie um das Eingeständnis herum, dass heute und zukünftig in Einzelfällen, nach Kochs Berechnungen faktisch Heiraten im Grad von Geschwistern möglich werden könnten, würden die modernen Umstände nicht zunehmend doch auch die Partnerwahl von außerhalb fördern.
Die Ergebnisse, die Koch in der historischen Forschung, in der Erstellung einer Genealogie der Tovarer, in der Erfassung ihrer soziologischen Strukturen und deren Wandel in seinem weit über den Rahmen einer Dissertation herausgehenden Buch erzielte, wurden in einer Rezension der Französischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1972 auch international gewürdigt: „Es ist eine der besten je über eine in Lateinamerika eingewanderte Gemeinschaft geschriebene Monographie.“

Paris, L' ACADEMIE DES SCIENCES D' OUTRE-MER, Band XXXII-1.

„Sous le titre la Co/onie de Tovar, Conrad Koch retrace l'histoire et l'evolution culturelle d*une colonie allemande au Venezuela. C'est l'une des meilleures monographies jamais realisee sur une collectivite immigree d'Amerique latine. „

Als die Pädagogische Hochschule in Freiburg 1970 eine Dozentur im Fach Soziologie ausschrieb, bewarb sich auch Koch um sie. Es gelang ihm, das Berufungsverfahren mit Erfolg abzuschließen. Er wurde vom Kultusministerium für dieses Lehramt berufen und 1973 zum Professor ernannt.
Nun konnte er das an Tovar praktisch erprobte Spektrum theoretischer und methodologischer Möglichkeiten dieser Wissenschaft in Verbindung mit seiner reichen Lebenserfahrung auch in Entwicklungsländern in entsprechend lebendig gehaltenen Vorlesungen und Seminaren einbringen. Insbesondere zu erwähnen ist in diesem Lebensabschnitt Kochs Aufbau und Leitung des hochschuleigenen Rechenzentrums und seine Verdienste um den damals noch in den Anfängen steckenden computerunterstützten Unterricht.
Das Thema „Tovar“ hat Koch auch nach seiner Promotion immer weiter verfolgt, ergab sich doch schon durch die Nähe seines Arbeitsortes zum Kaiserstuhl und durch die Pflege seiner Verbindungen nach Venezuela die Möglichkeit, ständig neue Kontakte zu vermitteln und Projekte zu konzipieren.
Ihren Kristallisationspunkt fanden diese vielfältigen Bestrebungen in der 1983 von ihm initiierten und von seinem alten Freundeskreis der sechziger Jahre mitgetragenen Gründung der gemeinnützigen und wissenschaftlichen Stiftung „La Colonia Tovar“. Diese hat ihren Sitz im Rathaus zu Endingen, wohin auch Koch seine zahlreichen in Venezuela gesammelten Dokumente aus dem vorigen Jahrhundert und auch die aus der Neuzeit einbrachte.
Zu den bedeutsamen praktischen Auswirkungen der Stiftung zählen vor allem die mit ihrer Unterstützung in Tovar durch das Ehepaar Hammann in den vergangenen sechs Jahren durchgeführten sprachlichen und kulturellen Kurse, die nicht nur einer neuen Vergegenwärtigung der verblassenden Tovarer Eigenart dienen sollen, sondern auch der jungen Generation die berufliche Fortbildung in der alten Heimat erleichtern sollen.
So werden nun die vielen durch den einstigen Auswanderer Conrad Koch zugunsten der Nachkommen der ausgewanderten Kolonisten angeregten Aktivitäten dank der Aufgeschlossenheit und Großherzigkeit der Endinger Bürger für „ihr Tovar“ und auch dank der Unterstützung der Endinger Bürgermeister zu einem Beispiel fruchtbar angewandter Wissenschaft.