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Agustin Codazzi (1793 - 1857)

* 17. 11. 1793 in Logo (Italien),
+ 7. 2. 1857 in Kolumbien

Prof. Dr. Conrad Koch (verfasst 1994)

Als Leutnant eines französischen Artillerieregiments kämpfte er 1813 und 1814 in Deutschland und Italien. Danach schließen sich Aufenthalte in Konstantinopel, Vereinigte Staaten, Mexiko und Buenos Aires an, bis er sich 1822 in seiner Heimatstadt Logo als Landwirt niederließ. Bereits nach vier Jahren begab er sich wieder auf Reisen nach Südamerika; dort wurde ihm 1826 der Rang eines Coronels der Artillerie verliehen. Von 1828 bis 1830 führte er Vermessungen in der Bucht von Maracaibo und auf der Goajiro Halbinsel durch. Ab 1831 setzte er seine geographischen Arbeiten im Auftrag der Regierung fort. Er erarbeitete den ersten Atlas von Venezuela, der als „Resumen de la Geographia de Venezuela“ 1841 in Paris erschien. Im gleichen Jahr noch untersuchte er für ein Immigrationsprojekt der Regierung die geographischen und klimatischen Gegebenheiten in einem Gebiet der Küstenkordillere nördlich der Stadt La Victoria. Als er seine Ergebnisse dem Congress in überzeugender Weise vortrug, entschieden sich die Parlamentarier nicht nur zur Verwirklichung des Projektes, sondern übertrugen Codazzi auch die erbetene Leitung dafür.
Nun setzte die Phase der Felderkundungen ein, die Codazzi durchführen musste, um einen möglichst günstigen Ort für die erhofften europäischen Immigrationen zu finden. Einige Grundbedingungen waren ihm von Anfang an klar: die Nähe des Meeres für den eventuellen Güterexport, die Höhenlage in der Küstenkordillere wegen des günstigeren Klimas, eine relative Nähe zu einer oder mehreren Städten, ein größerer relativ ebener Landstrich mit guter natürlicher Bewässerung waren wohl die wichtigsten hiervon. Der Conde Martin de Tovar, der schon früher Codazzis geographische Arbeiten unterstützt hatte, bot ihm an, sich in den ihm gehörenden Ländereien nördlich von La Victoria umzusehen. Er würde ein größeres Landstück zur Verfügung stellen, wenn es für die Ansiedlung europäischer Ackerbauern geeignet wäre.
Das Gebiet, in dem der Besitz von Martin Tovar lag, war von dicht bewaldeten Höhenzügen durchzogen, und kaum jemand hatte sie vorher durchquert, geschweige denn geographisch untersucht. Auch hatten Grundbesitzer im Araguatal Codazzi mehrfach darum1 gebeten, bei seine Forschungsarbeiten in den Wäldern nördlich von La Victoria herauszufinden, ob es sich nicht vielleicht möglich machen Hesse, von den Bächen und Flüssen, die es dort oben gab, einen in das Araguatal umzuleiten. Codazzi brach von La Victoria mit Ramon Diaz und Hidalgo, 12 Tagelöhnern, einigen Maultieren und mit Verpflegung für eine Woche zu einem Erkundungsmarsch gen Norden auf. Wegen der zum Teil in Nebel gehüllten Berggipfel verloren sie recht bald eine sichere Orientierung und wussten später nicht mehr, wo ihr Standort war. Hidalgo erbot sich, einen „Waldführer“ von einem kleinen Gehöft zu holen, das man an einem Flusslauf gesehen hatte. Mit diesem traf er am anderen Tage ein, und der Marsch über einige Kämme ziemlich hoher Bergketten wurde fortgesetzt. Ramon Diaz und Codazzi erkannten sehr bald, dass es bei diesen Formationen nicht zu verwirklichen sei, Bäche oder einen kleinen Fluss nach Süden in das Araguatal abzuleiten. Eines morgens, als wieder dichter Nebel die Bergformationen verdeckte, meinte ihr Führer zwar, dass sie den Pico Maya erreicht hätten, aber gleichzeitig sagte er auch, dass er wegen des Nebels sich nicht mehr auskennen würde. Man setzte nun die Exkursion in westlicher Richtung fort. Als sich in der Ferne ein weiterer erhabener Gipfel abzeichnete, glaubte der Führer sich nun wieder auszukeimen. Er sagte, dass das Wasser zur Rechten, das nach Norden abbiegen würde, in das Meer fließe, wogegen das Wasser zur Linken den Fluss Tigre bilden würde. Codazzi war davon nicht überzeugt und stellte später fest, dass das Wasser zur Rechten von den Berghöhen kam, die das Tuytal bilden. Man verfolgte die Richtung weiter und sah nun ein Tal mit sich nach Osten neigenden Abhängen, zwischen denen sich prächtige Ebenen abzeichneten. Ihr Führer glaubte zwar immer noch, das Wasser würde in Richtung Meer fließen, versicherte jedoch: „dass man sich im Palmar de Cagua befinde, der den Jägern von Carayaca bekannt ist durch ihre Streifereien bis in die Täler von La Cruz und Maya."
Diese Gegebenheit war für die Lage einer Ackerbausiedlung wegen eines Exportweges zum Meer sicherlich bedeutsam, aber vor allem wird es die Gestaltung und die Beschaffenheit des Bodens gewesen sein, die Codazzis volle Aufmerksamkeit beanspruchten. Auch Ramon Diaz war von dem Anblick gepackt, denn er machte Codazzi spontan das Anerbieten: „...ihn in seinem Unternehmen unterstützen zu wollen, wenn die Colonie auf diesem Platze angelegt würde.“
Da man übernachten musste, wurden die Vorbereitungen für die Unterbringung getroffen. Ein Abschnitt aus der von A. Thiberge für sein „Boletin de la Colonia Tovar“ verfassten Chronik mag zeigen, wie bedeutsam Codazzis Kenntnisse bei der Suche nach dem geeigneten Siedlungsplatz waren. „Eine Hütte ist bald fertig, wenn Material genug vorhanden. Ein Balken mit Lianen an zwei Bäumen befestigt, dient als Firste, an die man einige Stangen anlehnt, die als Sparren dienen: sofort werden Latten darüber gebunden, und alles wird hinlänglich mit Palmenblättern bedeckt. In der Hütte machte man ein Loch, von einer halben Vara tief und stellte das Thermometer hinein, um am anderen Morgen die mittlere Temperatur von dieser Stelle zu bestimmen. Ein leichtes und sicheres Verfahren, das der gelehrte Boussingault oft in unserm Clima versucht hatte, und dessen sich Codazzio häufig bediente während den Reisen, für seine chorographischen Arbeiten. Die Temperatur des Orts wo die Reisenden hielten war 17 Grad des hunderttheiligen Thermometers und es war dieselbe Stelle, wo nachher die Colonie gegründet wurde, hundert Varas vom wirklichen Platze entfernt, östlich an einem kleinen Graben.“
Im folgenden Jahr begann in Baden die Anwerbung von etwa 80 Familien und 1843 gründete Codazzi mit 374 alemannischen Einwanderern im „Palmar“ des Tuytales, auf dem Besitz des Conde Martin Tovar, die nach ihm benannte „Colonia Tovar“. Nach drei Jahren übernahm er 1846 den Posten eines Gouverneurs in der Provinz Barinas. Von dort musste er unter dem Präsidenten Monagas nach Kolumbien flüchten, wo er bis zu seinem Tod als Geograph tätig war.