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Gründe für das Scheitern des ersten Lehrers

Gründe für das Scheitern des ersten Lehrers in Tovar

Bereits 1841, als der Plan Gestalt annahm, in der Gegend des heutigen Tovar eine badische Auswandersiedlung zu gründen, haben sich der venezolanische Coronel Agostin Codazzi und Alexander Benitz um einen geeigneten Lehrer bemüht. Das venezolanische Einwanderungsgesetz schrieb vor, dass als Voraussetzung für die Gründung einer Ackerbaukolonie ein Pfarrer, ein Arzt und ein Lehrer zur Emigrantengruppe gehören musste.

Durch die in die Vorbereitungszeit fallenden Bemühungen von Alexander Benitz gelang es, den Stuttgarter Lehrer Nikolaus Teufel zur Auswanderung nach Venezuela zu bewegen und ihn als Lehrer in der Kolonie Tovar anzuwerben. Der Pädagoge Teufel war ein hochgelehrter Mann, der immerhin fünf Sprachen beherrschte. Als eine Regierungskommission die Kolonie besuchte, wurden seine Aktivitäten in den ersten Ausgaben der 1844 erscheinenden Kolonistenzeitung , dem "Boletin de la Colonia Tovar", wie folgt geschildert.

„ ... Die Schule, welche achtzig Schüler zählt, ward gegründet am vierten Tage nach der Ankunft der Colonisten und verfolgte ihren Lauf mitten in den Wirren: gegenwärtig wird lesen, schreiben, zählen, Religion und Spanisch darin gelehrt, später wird durch denselben Lehrer Arithmetik, Algebra, Geometrie, Trigonometrie, Geschichte, Geographie und etwas Physik gelehrt werden. Die Schüler sind in drei Klassen getheilt, und jede hat ihre eigenen Schulstunden und nach diesen geben sich die Kinder mit den Feldgeschäften ab, worin sie ihre Väter unterstützen; so sah sie die Commission barfuß und ohne Kopfbedeckung auf dem Felde arbeiten, nachdem sie dieselben kaum vorher gut gekleidet in der Schule gesehen hatte ...“

Allerdings hielt die euphorische Grundstimmung für eine schulische Ausbildung der Kolonistenkinder nicht lange an. Der unerbittlich harte Siedleralltag verlangte zum Überleben in den dem Urwald abgerungenen Feldern den vollen physischen Einsatz der ganzen Familie und somit auch der erst 10 jährigen Kinder.

Ein weiterer misslicher Umstand, der dem geplanten Schulbesuch entgegenstand war die außerordentlich verstreute Lage der einzelnen Siedlergehöfte. Da jeder Familie ein relativ großes Landstück zugeteilt wurde, das sie kultivieren sollten und das sie später auch als Eigentum behalten konnten, betrug der Fußmarsch bis zum Zentrum der Kolonie für die meisten Familien ein bis zu zwei Stunden.

Der erste Konflikt zwischen den um ihre Existenz ringenden Familienvätern und Nikolaus Teufel, dem für die schulische Ausbildung verantwortlichen Pädagogen war somit vorprogrammiert.

Hinzu kam, dass Codazzi als Organisator und Gründer der Kolonie den von ihm in administrativen Belangen beauftragten Männern wenig Fürsorge zuteil werden ließ. So erhielten weder der Kolonieleiter Benitz noch der Lehrer für ihre Aufbauarbeit von Seiten Codazzis ein Entgelt. Sie sollten es von den faktisch noch nichts besitzenden Siedlern selbst einziehen. Wie das im Falle des Lehrers Teufel ausging, ist in seinem undatierten Brief an Codazzi, dessen Kopie sich im Archiv der Stiftung Colonia Tovar befindet, nachzulesen.

Die eindrücklichste Stelle lautet in der Übersetzung aus dem Französischen:

„Ich bin tief betrübt, Sie mit Bitten und Beschwerden belasten zu müssen, zumal ich weiß, dass Sie Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten genug haben. Aber meine Situation in der Kolonie erlaubt mir nicht mehr länger zu schweigen, wenn ich noch länger mit solchem Pack, zu denen die meisten in der Kolonie gehören, leben muss, wenn ich nicht meine ganze Ehre verlieren ...oder auch einmal krank und verhöhnt die Kolonie verlassen muss...Ich nehme mir deshalb die Freiheit, Ihnen meine Gründe, meine Wünsche und meine Meinung mitzuteilen:


1. Fehlen einer guten Erziehung und hauptsächlich der Widerstand der Eltern gegen mich und alle unsere Anordnungen.

2. Die gröbsten Flüche der Eltern in der Gegenwart der Kinder gegen mich und die Obrigkeit und gegen die Schule, was mir schon mehrmals vorgekommen ist ohne Satisfaktion oder Gerichtsbarkeit vor der Gemeinde-Autorität.

3. Weil bis heute die Kolonie mich nicht entlöhnt hat und ich nicht glaube, darin je ein Resultat zu erzielen... Die schlechte Erziehung der Kinder und der Widerstand der Eltern, die Flüche und der schlechte Willen gegen die Einrichtung der Schule...machen meine Situation unhaltbar und meine Gesundheit beginnt zu leiden.

Aus diesen Gründen widert es mich an, länger an diesem Platz zu bleiben ...“

Obwohl der Lehrer Teufel sehr darum bemüht gewesen ist, sich in die Siedlergruppe zu integrieren und auch bei Streitigkeiten der Siedler mit Benitz und Codazzi mehrfach segensreich hatte vermitteln können, und obwohl er sogar zwei Jahre nach der Ankunft die 21jährige Siedlerstocher Magdalene Kohler ehelichte, war sein Streben, "gute Werke zu vollbringen" zum Scheitern verurteilt. Zu groß war der Gegensatz zwischen den ihm gegenüber rücksichtlosen Siedlerpionieren, die für ihr Überleben dem Urwald das Land abringen mussten, und dem schöngeistigen, pädagogischen Engagement des Lehrers Teufel, das sein Lebenselement darstellte. Tief enttäuscht verließ er mit seiner jungen Frau und einem gerade geborenen Sohn die Kolonie. Als er wenige Jahre darauf verstarb, kehrte seine Witwe mit ihrem Sohn wieder in die Kolonie zurück.

Kurz darauf traf 1852 eine Emigrantenwelle in dem Hafen von La Guaira ein. Es entschlossen sich 16 Familien dieser Gruppe, in die Kolonie Tovar zu gehen. Unter ihnen auch ein ehemaliger Lehrer namens Andreas Breidenbach aus Erfurtshausen. Er hatte die Heimat mit Ehefrau und neun Kindern wohl auch deshalb verlassen, weil er daheim kaum Existenzchancen sah, hatte er doch wegen wiederholter Trunkenheit sein Amt verloren.

Andreas Breidenbach war etwa 45 Jahre altv als er mit seiner Familie die Seereise nach Venezuela antrat. Er konnte in Tovar leider nicht lange unterrichten, denn er verstarb bereits 3 Jahre nach seiner Ankunft.

Danach war Tovar erstmals eine längere Zeit ohne Lehrer.

In dem frühen Bericht über Tovar .der aus der Feder des Bremer Kaufmanns Kisselbach stammt und 1866 im "Globus" veröffentlicht wurde, findet sich kein Hinweis über eine Lehrertätigkeit in der Siedlung.

Bei den Tonbandaufnahmen, die von mir 1964 in Gesprächen mit den Kolonieältesten aufgenommen wurden, berichteten noch Kinder der Ersteinwanderer, dass in jenen Jahren, die auch noch durch Revolutionen und bürgerkriegsähnliche Unruhen geprägt waren, in Tovar kein Schulunterricht stattgefunden habe. Die Siedler hätten sich vielmehr selbst geholfen, indem sie ihre Kinder innerhalb der Großfamilien durch geeignete Personen unterrichten ließen.